Vermutlich stecken Autoschiebereien im großen Stil über ganz Europa verteilt dahinter. Vermutlich ist die ehemalige Mitarbeiterin der Kfz-Zulassungsstelle beim Landratsamt Reutlingen nur das kleinste Rädchen im Getriebe der Banden. Und vermutlich gibt es weitere solcher bislang unbescholtener Bürger, die in relevanten Behörden sitzen und durch Lebensumstände in eine Abhängigkeit von angeblichen Freunden rutschten. Am Ende landen sie wegen Bestechlichkeit vor Gericht.

Einst beste Mitarbeiterin

So wie jene 47-jährige ehemalige Mitarbeiterin der Kfz-Zulassungsstelle in Reutlingen, die inzwischen fristlos entlassen ist. Sie war „die beste Mitarbeiterin“, wie ihre ehemalige Chefin am Montag vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Reutlingen unter Vorsitz von Richter Eberhard Hausch aussagte. Die Bekanntschaft zu einem Autohändler aus dem Steinlachtal und die zunehmende finanzielle Not, in die die Frau wegen Scheidung und Unterhaltszahlungen geriet, waren der Auslöser für die Straftaten. Über Jahre hinweg zahlte der Autohändler, der in Reutlingen eine Briefkastenfirma unterhielt, um seine Autos über das Landratsamt Reutlingen zulassen zu können, Strom-, Friseur- und Zahnarztrechnungen für die Frau, überwies ihr monatlich einen kleinen Betrag zwischen hundert und zweihundert Euro. Als er schließlich italienische Autos beim Landratsamt anmeldete, ohne die erforderlichen Papiere zu besitzen, erteilte die Frau die Zulassung. „Die Papiere wollte er nachliefern und ich kannte ihn bereits seit 13 Jahren“, sagte sie vor Gericht aus. Sie habe keinen Verdacht geschöpft. Ein Vertrauensverhältnis, das ihr zum Verhängnis wurde. Und so wurden 16 gestohlene oder verschobene Fahrzeuge legalisiert. Richter Hausch vermutet, so sagte er in seiner Urteilsbegründung, dass es noch mehr waren, aber der Nachweis konnte eben für diese 16 Fahrzeuge erbracht werden. Vermutlich hat die Frau dem Autohändler auch Plaketten und Stempel ausgehändigt, ohne dass diese konkreten Fahrzeugen zugeordnet wurden. Die amtlichen Siegel wurden bei einer Hausdurchsuchung des Autohändlers gefunden. In einem abgetrennten Verfahren wurde der 46-Jährige bereits wegen Bestechung verurteilt. Möglicherweise war auch er nur ein kleines Rad in einem großen Autoschieber-Netzwerk, das von Italien aus in ganz Europa agiert. Die Ermittlungen in Italien laufen noch.

Doch zurück zu der Verwaltungsangestellten in Reutlingen. Eine Frau, die bislang völlig unbescholten war. „Er kam jahrelang zu mir, um seine Autos bei mir zuzulassen. Als er dann die italienischen Autos ohne Papiere zulassen wollte und sagte, er würde diese nachreichen, habe ich keinen Verdacht geschöpft.“ Verteidiger Benjamin Fischer sah es so: „Sie ist da reingerutscht.“ Von einer gewerbsmäßigen Tat könne schon gar nicht gesprochen werden, dazu seien die Zuwendungen zu niedrig gewesen. Aufgeflogen ist die Straftat, weil ein in Italien gestohlenes Auto, das in der Fahndung war, eben von jener Landratsamts-Mitarbeiterin ohne Papiere zugelassen wurde.

Spitze des Eisbergs?

So ganz nahm Richter Hausch der Angeklagten diese Naivität dann aber doch nicht ab. „Das mag schon sein, dass sie da reingerutscht sind. Aber irgendwann haben sie doch etwas bemerken müssen. Und was wir hier verhandeln, ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs.“ Hausch ist überzeugt: Das Ganze hatte System.“ Zumal ja auch amtliche Siegel, Stempel und Plaketten bei dem Autohändler gefunden wurden, die, per Codenummer nachweisbar, eindeutig über den Schreibtisch der Angeklagten liefen. Das Schöffengericht verurteilte die Angeklagte wegen Bestechlichkeit im Amt zu einem Jahr und vier Monaten Haft, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Bewährungszeit beträgt zwei Jahre, außerdem muss die Angeklagte 150 Sozialstunden leisten und die erhaltenen 7050 Euro zurück bezahlen. Das Gericht folgte damit den Forderungen von Staatsanwalt Nicolaus Wegele, die Verteidigung hatte auf neun Monate plädiert. Mit dem Urteil blieb das Gericht dennoch im unteren Bereich des Strafrahmens. Auch deshalb, weil die Angeklagte durch den Verlust des Arbeitsplatzes und der Gesundheit schon genügend Nachteile erlitten habe. Und dennoch. „Von einem Amtsträger erwartet man, dass er den Versuchungen widersteht“, so Richter Hausch. „Die Allgemeinheit muss sich darauf verlassen können, dass alles ordentlich abläuft.“