Es sieht alles noch etwas unfertig aus - der Amphibientunnel am Reutlinger Listhof. Zwischen den Bauzäunen und einem Bagger ist die Erde immer noch aufgerissen und die Leitelemente aus Beton stehen unvollständig in einer Reihe. „In drei Wochen werden wir die Bauarbeiten endgültig abgeschlossen haben“, erklärt Andreas Haupt vom Bauunternehmen Schneider. Die Firma war Anfang April 2019 gemeinsam mit dem Ingenieurbüro Germey mit dem Bau des Tunnels beauftragt worden. Es fehlten noch die letzten Feinarbeiten, dann könnte der Tunnel von Mensch und Tier endlich genutzt werden.

Pattsituation im Gemeinderat

Bereits vor 21 Jahren hatten die Planungen für den Tunnel, der das Umweltbildungszentrum Listhof mit dem Gebiet Kreuzeiche verbindet, begonnen. Als Ausgleichsmaßnahme für den Scheibengipfeltunnel zwischen Sondelfingen und Reutlingen-Süd wurde der Tunnel für Fußgänger und Amphibien schon 1998 im Gemeinderat diskutiert. Zu einem Beschluss kam es jedoch nicht. Aufgrund einer Pattsituation bei der Abstimmung im Gemeinderat konnte vorerst keine Entscheidung getroffen werden, erinnert sich der SPD-Gemeinderat Helmut Treutlein. „Ich war damals befangen, weil ich sowohl im Gemeinderat als auch im Vorstand des Umweltbildungszentrums Listhof aktiv war. Somit war ich von der Abstimmung ausgeschlossen.“ Es kam zum Stillstand des Projekts. Erst 19 Jahre später, im Januar 2017, kam es zu einem Beschluss des Reutlinger Gemeinderats. Aus diesem Grund freut sich Treutlein auch ganz besonders über die Fertigstellung des Tunnels.

Gelbbauchunken

Diplom-Biologe Rainer Blum ist mit dem erfolgreichen Abschluss der Baumaßnahmen ebenfalls zufrieden. Unter seiner Anleitung wurde das in und um den Tunnel integrierte Amphibienleitsystem errichtet. „Der Tunnel ist ungemein wichtig für die Tiere in der Umgebung. Wir haben links und rechts der Landesstraße Populationen von Gelbbauchunken und Laubfröschen. Das sind beides Tierarten, die im Land aber auch bundesweit stark gefährdet sind“, so Blum. Schnellstraßen oder stark befahrene Landstraßen würden den Lebensraum dieser Tiere gefährden, da sie durch den Verkehr oftmals zu Tote kämen.

„Mit der jetzt eingeweihten Unterführung, aber auch durch den Stelztunnel, haben die Tiere nun eine Möglichkeit, unbeschadet die Straße zu überqueren. Damit kommen die unterschiedlichen Populationen in Kontakt und sorgen für eine genetische Durchmischung.“

Der Stelztunnel rund 450 Meter oberhalb der L383 ist im Gegensatz zur knapp 28 Meter langen und sechs Meter breiten Unterführung aus Stahlfertigteilen nur 1,50 Meter breit und einen Meter hoch. Der wesentlich kleinere Durchlass aus Beton ist vor allem für Kleintiere gedacht.

Investitionen in die Natur

Der gesamte Bau der Unterführung, wie auch der des Stelztunnels haben insgesamt rund 850 000 Euro gekostet. Bezuschusst wurde die Stadt vom Land mit insgesamt 105 000 Euro. Oberbürgermeister Thomas Keck hält das Geld für eine gute Investition. „Es ist eine Förderung der Natur, zu der wir nicht immer gut waren.“ Dass das Bauvorhaben im August diesen Jahres schließlich begonnen werden konnte, hängt für Keck auch mit einem Wertewandel zusammen. „Die Natur hat mittlerweile einen andere Stellenwert, als noch in den 90er Jahren.“

Um sowohl den Amphibien als auch den Fußgängern und Fahrradfahrern die Benutzung des Tunnels so angenehm und sicher wie möglich zu gestalten werden in den kommenden drei Wochen noch Optimierungsmaßnahmen durchgeführt. So wird noch ein Geländer und Absturzsicherungen angebracht. In den 50 Zentimeter breiten Graben zu beiden Seiten des Wegs, der den Amphibien in Zukunft als Straße dienen soll, werden in den kommenden Monaten noch Versteckmöglichkeiten wie Steine, Laub, Zweige und Baumstümpfe positioniert.

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