Reutlingen Am Kreuz gebrüllt vor Schmerz

Reutlingen / ANGELA STEIDLE 02.04.2015
Der "Leidensweg Jesu" besteht für Monika Geiselhart aus lauter Begegnungen. Mit einem Menschen, der gebrüllt hat vor Schmerzen, als er ans Kreuz genagelt wurde: "Daran ist nichts Beschönigendes."

Dichte Pinselstriche in einer Präsenz, die nicht zu leugnen ist. Gesichtszüge, die im Moment erstarren. Farben, die zutiefst intime Momente der Verzweiflung, der Hoffnung, des Muts und der Menschlichkeit beleuchten. Der Mensch ist "gut". Der Mensch ist "böse". Er begreift es nicht. Weil er nicht hinschaut. "Ich hatte nur einen Wunsch: Du musst das in Farbe und Ausdruck so stark darstellen, dass jeder, der gleichgültig an diesen Ungerechtigkeiten in der Welt vorbeiläuft, draufschauen muss. Mit meiner Kunst wollte ich meine Zweifel in die Realität zwingen: Schaut hin, was da passiert", erklärt Monika Geiselhart, "aufrütteln, um die Ohren hauen, mit leuchtenden Farben und der überlebensgroßen Dimension des Gesichts". Die 14 Kreuzwegstationen der studierten Grafik-Designerin in Acryl auf großformatiger Leinwand wurden 1993 in der Stiftung Anton Geiselhart im Lautertal erstmals ausgestellt: "Die Besucher waren schockiert und nachdenklich. Damit hatte ich erreicht, was ich wollte."

So tun als ob. Sich hinter gut bürgerlicher Fassade verstecken. Das liegt Monika Geiselhart bis heute nicht. Dazu bewegt die Geschichte dieses Jesus von Nazareth zu viel: Dieser Mensch ist kein religiöses Phantom, keine romantische Verklärung, keine Passion, keine "Pieta". Er ist der Sohn einer syrischen Familie, der wie tausende seiner verlorenen Generation in den Krieg zieht und von Bomben zerfetzt wird. Das Leid der Angehörigen ist namenlos. Dieser Mensch ist ein Verfolgter. Getrieben und verachtet. Das "Opfer" von Zynismus auf dem Schulhof, im Strafgericht, in den Medien, das hilflos stillhält. Nur ein vergänglicher Teil der unaufhaltsamen Maschinerie aus Neid, Gier und Rachsucht. Ein Korn im Sand, das dennoch so einzigartig ist wie die Liebe selbst.

Pilatus verurteilt Jesus zum Tode: "Der kriminelle Hund hat das so hingedreht, dass ein anderer verurteilter Verbrecher freigesprochen worden ist. Er wurde gefoltert und mit Dornen gekrönt", erklärt die Künstlerin das wilde Konstrukt an grafischen Linien. Wie Peitschenhiebe durchkreuzen die schwarzen Pinselstriche ein Gesicht, das sich stoisch in sein Schicksal ergibt: "Es gibt Dinge im Leben, die kann ich nur mit Fassung tragen, die sind unausweichlich." Der Mensch in Kreuzweg-Station eins versteckt sich nicht, er ist authentisch. Das kräftige Rot widmet Monika Geiselhart denen, die ihn aburteilen, gaffend nach seinem Blut gieren.

"In diesem Zustand nimmt er auch das Kreuz auf. Er ist bereit, diesen Weg zu gehen", beschreibt Monika Geiselhart die zweite Station, die einen gebeugten Menschen unters Joch zwingt. "Christus fällt dreimal unter dem Kreuz", sagt die Künstlerin. Beim ersten Mal krallt er sich mit weißen Handknöcheln in die Erde. "Das Wichtigste sind für mich hier die vier Klageweiber im Hintergrund. Da kommt Blau und Violett ins Spiel, echte Trauer symbolisierend." Eine Station weiter begegnet Jesus seiner Mutter Maria und blickt ihr ein letztes Mal in die Augen. Ihr Gesicht ist nur halb verhüllt, gezeichnet von Schande, Schmerz, dem Leid der betroffenen Angehörigen. Sie schaut nicht weg.

Einer zeigt Zivilcourage: Simon von Cyrene hat den Mut, nach vorn zu treten. Ein einfacher, aufrechter Bauer. Für ihn ist es bloß ein Akt der Menschlichkeit, nichts Heroisches: "Da kommt Sonne zwischen den Wolken durch", erklärt Monika Geiselhart. Warme Ockerfarben leuchten für einen Moment. Auch "Veronika" zeigt Güte. Für eine Frau ihrer Zeit bedeutet das viel: einem verurteilten Verbrecher ein Schweißtuch zu reichen und ihm damit das Gesicht zu trocknen. Eine Geste tiefer Menschlichkeit, beäugt vom aufgewühlten Mob. Mitfühlend am eigenen Leib, nimmt sie durch ihre Körperhaltung das Abbild des gekreuzigten Jesu vorweg.

Die siebte Station: Jesus fällt ein zweites Mal unterm Kreuz. Blutleer und mit letzter Kraft hält er das Holz aufrecht. Das "Böse" dräut im Hintergrund. Die Spötter werden zur Karikatur. Jeder will noch näher dran gewesen sein. In Station acht begegnet Jesus den weinenden Frauen und spendet ihnen Trost: Die Farbe Türkis steht für Monika Geiselhart "für eine halb entrückte Leichtigkeit. Sie verbindet ihn mit dem Blau der Frauen". Als Jesus zum dritten Mal unterm erdrückenden Kreuz fällt, ist sein Gesicht fahl und bereits ohne Kraft. Sein Körper ist eins mit der Anhöhe zu Golgatha, als hätte er sich nur schlafen gelegt und mit der roten Erde zugedeckt. "Die beiden Kreuze der Verbrecher, das dramatische, blutfordernde Rot. Die anonyme Masse wartet schon auf das Spektakel."

Wenn einem Menschen das letzte Stück Würde genommen wird, wenn er in seiner Verletzlichkeit bloßgestellt wird, "die Schergen sich um seine armseligen Kleider streiten und sich einen Spaß daraus machen", bleibt auf der einen Seite nur entlarvender Spott. Auf der anderen Seite steht Jesus, als entrückte "Lichtgestalt" in strahlendem Gelb. Die zentrale Kreuzweg-Station elf: Ein brüllender Schrei, der das Leben zerreißt: "Für mich liegt im Magenta der Schmerzensschrei eines irdischen Menschen, nicht das demütige Leiden des Gottessohnes", betont die Künstlerin. Dann ist alles vorbei. Jesus stirbt am Kreuz: "In seiner Person herrscht jetzt Frieden." Das Bild nimmt die Ockertöne des Simon wieder auf.

Die "Pieta" des Kreuzweg-Zyklus von Monika Geiselhart ist alles andere als eine Verklärung. Die "Schmerzensmutter Maria" ist in ihren Gesichtszügen deutlich gealtert. Der Leichnam, der auf ihrem Schoß liegt, hat ein dunkelviolettes Gesicht: "Caput mortuum (Totes Haupt) sind ganz reale Leichenflecken. Kein Schöngeist, sondern einfach a Leich", sagt Monika Geiselhart. Ihr Kreuzweg endet mit der Grablegung Christi: Ein bleicher, lebloser Körper. Vielleicht nur ein Mensch aus einer der vielen Aussegnungshallen, die sie in ihrem Bauatelier gestaltet hat.

"Das macht vieles wieder auf, was ich mir vor 23 Jahren überlegt habe", antwortet Monika Geiselhart auf die Frage, ob ihr Kreuzweg heute für sie noch authentisch ist: "Die Arbeit hatte Einfluss auf mein Leben. Sobald man sich intensiv mit der Bibel auseinander setzt, wird man selbst auf den Prüfstand gestellt. Man sucht nach Gründen für Schicksalsschläge. Natürlich geht es weiter nach dem Tod, aber nicht auf die Art, wie das bei Beerdigungen dargestellt wird. Dort wird über das Ende hinweg getröstet. Wenn man selbst in dem Bewusstsein geht, dass man der Welt etwas hinterlassen hat, dass das Sterben zum Leben gehört, dann hat man die Mythologie ins eigene Leben transferiert."

Spendenaktion der Stiftung Anton Geiselhart

Anstoß für die Arbeit am "Leidensweg Jesu" von Monika Geiselhart war eine Spendenaktion der Stiftung Anton Geiselhart in Gundelfingen. Zusammen mit der Stadt Hayingen sollte der zerfallende Kreuzweg im Ort Weiler gerettet werden. Monika Geiselhart wollte sich an der Sponsoren-Ausstellung unbedingt mit einer eigenen Arbeit beteiligen.

Ihr Skizzenbuch zum großformatigen Zyklus im Gesangbuchformat enthält ungleich mehr Gedankenbilder in Buntstiftzeichnung. Nach dem skrupellosen Diebstahl von sechs Holzreliefs im Stil der Nazarener wurden die verbliebenen Originale sichergestellt. Der Kreuzweg selbst wurde vom Atelier Geiselhart restauriert, die 14 Stationsbilder durch originalgetreu gemalte Kopien ersetzt.

ANE

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel