Manche Aufführungen wie etwa Andachten entziehen sich der kritischen Besprechung, weil sie allzu tief ins Innere der Beteiligten zielen. So ging es auch mit der Performance „Frei zu sein. Ein Dialog“ von Heloïse Ph. (Philomele) Palmer, aus technischen Gründen aufgeführt im Spitalhofsaal und relativ schwach besucht.

Ihre Konzert-Konzeption bezeichnet sie mit dem selbst geschaffenen Wort „Muïesis“: Darin verbindet sie Wort und Musik mit anderen Elementen (Bilder, Poesie) zu einer neuen Einheit, die ein tieferes Wahrnehmen ermöglichen soll. Zunächst dominierte die Optik: Die Schattenhände der jungen Künstlerin als „Orphéa“ zupften an der Projektion einer Fantasie-Leier, ansonsten weckte sie als ätherische Erscheinung am Flügel – in weißem Chiffon mit Engelslocken – unwillkürlich esoterische Assoziationen.

Als weitere Projektionsflächen traten Bilder und Texte hinzu, die wie der reale Spiegel in der Hand der Pianistin ihre eigene Sichtweise auf „das Leben“, auf Bewusstheit und Freiheit spiegelten, und dies in sieben Szenen samt Prolog und Epilog. Manches sprach sie selber, manches kam aus den Boxen, rezitiert von Stimmen aus dem Speicher des Laptops, den der Komponist John Palmer (ihr Ehemann?) bediente, teils deutsch, teils lateinisch. Die Pianistin trat auch als Darstellerin auf: In der vierten Szene drehte sie sich  wie ein Püppchen auf einer Spieluhr und ließ einen Gummiball hüpfen. Den roten Faden aber bildete das Klavierspiel. Sie ist offenbar eine versierte Pianistin, verfügt über sensiblen Anschlag und Klangbewusstsein und verfremdete den Klang mittels präparierter Saiten. Dabei versuchte sie aber durchweg eine mystische Stimmung zu erzeugen, die auch die „traditionellen“ Kompositionen von Gesualdo, Liszt, Schönberg und Giovanni Gabrieli in diese Sphäre hineinnahm.

Die übliche Interpreten-Haltung, die das Werk eines Schöpfers darstellen will, wurde damit ignoriert oder „überwunden“, unter anderem auch durch die Kombination mit teils fragwürdigen Text-Projektionen. Überzeugend erschien jedenfalls die Verbindung der Schönberg-Klavierstücke op. 19 mit dem Thema „fragen“ und das Zusammenspiel eines polyphonen Ricercar mit der Übersetzung als „suchen, fragen, forschen“.

Ebenso ins poetisch-philosophisch-meditative Kontinuum eingebunden wurden neuere Kompositionen von Jacqueline Fontyn, Ethel Smyth, Elainie Lillios, Akin Euba, Santa Ratniece, Vic Hoyland und von John Palmer. Dessen „woanders“ bildete einen gewissen Höhepunkt, hier tritt das Klavierspiel in einen magischen Dialog mit sich selbst und dem, was der Komponist am Regler daraus macht: als eindringlicher Gesang verstimmter Saiten, ein Raunen und Rauschen, als Effekte, die auch dann weiterklingen, wenn die Pianistin schon die Hände von den Tasten gehoben hat – als ob das Klavier mit sich selber spräche. Vor den Epilog trat als etwas fremdartiges Element (unter dem Motto: „Pony“) noch ein weiblicher Monolog aus dem Dunkel, der offenbar das Tierische in der Frau thematisieren sollte.