Reutlingen Alles geschieht auf dem Land

Eckart Frahm. Foto: Julia Kuhlmeier
Eckart Frahm. Foto: Julia Kuhlmeier
Reutlingen / JULIA KUHLMEIER 13.03.2014
Geschichte zum Sprechen bringen: Davon kündet die Ausstellung "CHC Geiselhart - Die Nehrener Kleinkunstabende, Grafische Arbeiten". Sie ist bis 5. April in der Stadtbibliothek Reutlingen zu sehen.

Der Maler, Bildhauer und Drucker Curt Hans Chrysostomus (CHC) Geiselhart selbst konnte der Eröffnung aus gesundheitlichen Gründen nicht beiwohnen. Der Rottenburger Kulturwissenschaftler Eckart Frahm lieferte eine Übersicht über die Entwicklung der Nehrener Kleinkunstabende und die Inspirationsquellen Geiselharts.

Frahm lernte den Gemeinderat und Künstler 1986 auf der 900-Jahr-Feier der Gemeinde Nehren kennen. Geiselhart wollte damals 24 "Denkpflöcke" in Nehren aufstellen lassen - arrangierte Stöcke, versehen mit Informationen über historische Daten. Der Gemeinderat hatte diese Aktion damals abgelehnt, doch einige Nehrener stellten private Flächen für die Pflöcke zur Verfügung. Für viele Dorfbewohner habe diese Geiselhart-Aktion gezeigt, "wie man Geschichte Tag für Tag zum Sprechen bringen kann", so Frahm. "Nichts geschieht in der Stadt, alles geschieht auf dem Land. Die Stadt erzählt nur, was auf dem Land geschehen ist", so hatte es die amerikanische Literatin Getrude Stein formuliert, die im Paris der 20er Jahre als "Mutter der Moderne" galt. Auch CHC Geiselhart aus dem ländlichen Nehren hat Eckart Frahm in den 1980er Jahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass soziale Probleme meist früher auf dem Land, als in der Stadt erkannt werden. Die Kleinkunstabende waren ursprünglich eine Idee des Kabarettisten Bernd Kohlhepp gewesen, er schaffte es allerdings nur, zwei Abende in Reusten zu veranstalten.

Gitta und CHC Geiselhart setzten die Kleinkunstabende fort und veranstalten vom 1. Februar 1985 bis zum 15. Dezember 2006 insgesamt 75 solcher Treffen in Nehren. Zu Beginn richtete die Familie die Abende im eigenen Wohnzimmer aus. Dieses bot aber nur Platz für maximal 30 Besucher, und so wich man später auf das Nehrener Atelier des Künstlers aus.

Die Kleinkunstabende boten den Besuchern Lesungen, Musik, Kabarett, Theaterabende, Zauberei und Dialektveranstaltungen. CHC Geiselhart entwarf für jeden der Abende Einladungen, Plakate und Eintrittskarten, die er selbst druckte, kolorierte, durchnummerierte und signierte, womit jedes dieser Exemplare zu einem Unikat wurde. Geiselhart fertigte diese kleinen Kunstwerke als Linoldrucke, Radierungen, Collagen und Stiftzeichnungen. Die Motive reichen von den Künstlern selbst über die Autoren, deren Texte an den Abenden gelesen wurden, bis hin zu Landschaften und historischen oder aktuellen Zitaten. Außerdem verwendete Geiselhart auch eigene künstlerisch freie Werke und modifizierte Kinderzeichnungen für die Eintrittskarten, berichtet seine Tochter Catharina, die die Ausstellung konzipiert hat.

Jedes dieser Werke hatte zudem einen Bezug zu der bevorstehenden Veranstaltung, so dass sich die Besucher bereits bei Erhalt der Einladung ein Bild vom bevorstehenden Kleinkunstabend machen konnten.

Geiselharts Kinder Catharina und Cornelius gestalteten einen Ausstellungskatalog, der alle Plakate und Eintrittskarten dieser 75 Veranstaltungen chronologisch und farbig sortiert darstellt.

Info Die Ausstellung "CHC Geiselhart - Die Nehrener Kleinkunstabende, Grafische Arbeiten" ist noch bis 5. April in der Stadtbibliothek Reutlingen zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.