Reutlingen Alles andere als ein leichter Job

Die Arbeit beim Sozialen Dienst im Reutlinger Jugendamt ist kein Zuckerschlecken, das wissen natürlich auch die Führungskräfte.
Die Arbeit beim Sozialen Dienst im Reutlinger Jugendamt ist kein Zuckerschlecken, das wissen natürlich auch die Führungskräfte. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 22.09.2015
Schicksalsschläge sind meist Auslöser für große Krisen in Familien. In solchen Situationen springt oftmals das Jugendamt ein - um mit einer Vielzahl an möglichen Hilfen Kinder und Jugendliche zu schützen.

Ein ganz normaler Fall beim Jugendamt: Eine vierköpfige Familie, beide Elternteile arbeiten. Er ist Techniker, sie in einer Klinik im Mehrschichtbetrieb beschäftigt. Die fünf- und siebenjährigen Kinder sind bei einer Tagesmutter untergebracht - wo sich irgendwann zeigt, dass "die häusliche Situation der Familie sehr schwierig ist", berichtet Gabriele Heller als Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) beim Kreisjugendamt.

Die beiden Kinder lassen durchblicken, dass es wohl ziemlich häufig zu Streit zwischen den Eltern kommt, der Vater scheint demnach des Öfteren betrunken zu sein. Dann beginnt die Eskalation: Der 39-Jährige wird arbeitslos, das Paar entscheidet sich zur Trennung. "Erst an diesem Punkt kamen sie zum Jugendamt, nämlich zur Trennungs- und Scheidungsberatung", betont Kreisjugendamtsleiter Reinhard Glatzel. Nachdem das Ehepaar geschieden wurde und die 38-jährige Mutter das alleinige Sorgerecht erhielt, ist der Soziale Dienst gefragt, ein Familientherapeut bearbeitet mit dem Paar ihren Partnerkonflikt und lässt dabei das Thema Gewalt nicht außen vor. Ein positives Ergebnis zeigt sich schnell: Der Vater ist bereit, sein Alkoholproblem anzugehen. Allerdings greift er kurz nach der Suchttherapie wieder zur Flasche.

Dann wird die Mutter arbeitslos, sie betreut nun ihre Kinder selbst, findet wieder einen Job, holt den Ex-Mann zurück in die Familie, damit er sich um die Kinder kümmert. "Dieser Schritt war fatal", sagt Glatzel. Denn der Ex-Gatte wird sofort wieder gewalttätig, "die Mutter bricht psychisch und körperlich zusammen und kommt in eine Klinik", so Heller.

Die Kinder werden in einer Familie der Bereitschaftspflege untergebracht. Als die Mutter aus der Klinik entlassen wird, ist die Situation mit ihrem Ex-Mann immer noch nicht geklärt: "Sie können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander", sagt Glatzel. Die Gewalttätigkeit des Vaters erweist sich immer mehr als größtes Problem, die Mutter erleidet einen erneuten Zusammenbruch, muss schließlich erkennen, dass sie sich "nicht mehr in der Lage sieht, den Kindern das zu geben, was sie brauchen", erläutert Heller. Das Geschwisterpaar wird in Vollzeitpflege in einer Familie untergebracht, entwickelt sich nach den Worten der Leiterin der Sozialen Dienste seitdem gut.

Doch solche "Fälle" enden nicht immer so - manche Mütter haben nicht die Einsicht, dass es ihre Kinder in einer anderen Familie besser hätten. Manche Eltern prügeln auch ihre Kinder, verletzen sie schwer. Meldungen möglicher Kindeswohlgefährdungen gehen nach den Worten von Heller und Glatzel beim ASD haufenweise ein. Immer wieder ist das Jugendamt herausgefordert, muss Hinweisen aus Kindertagesstätten, von Kinderärzten, Nachbarn folgen, erkunden, ob und welche Hilfen angemessen und richtig sind. Das alles sind keine einfachen Aufgaben und Entscheidungen - und belastend ist dieser Job obendrein: "Man muss sich das vorstellen - ein Kind aus einer Familie herauszunehmen, das geht für das Kind, die Eltern und die Sozialarbeiter an die emotionalen Grenzen", so Reinhard Glatzel. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamts seien schließlich keine eiskalten Roboter, die auf Geheiß, auf Verdacht oder einfach so Kinder aus einer Familie rausnehmen.

"Hinzu kommt, dass das Elternrecht ein sehr hohes und starkes Recht ist", betont auch Gabriele Heller. Und das ist laut Glatzel allen Mitarbeitern vom Jugendamt klar, "sie stehen immer vor der Entscheidung, zu wenig oder zu viel zu tun". Beides könnte sich als fatal und völlig falsch erweisen. Und in den Medien wird das Jugendamt dann eh liebend gerne geprügelt: "So wie bei Alessio, dem dreijährigen Kind, das in Titisee-Neustadt Anfang des Jahres totgeprügelt wurde, da stand sofort das zuständige Jugendamt an der Wand", so Glatzel.

Warum hat das Jugendamt nicht reagiert? Die Mitarbeiter waren doch in der Familie drin? Wie konnte es da passieren, dass Warnsignale übersehen wurden? Das seien die typischen Fragen, die sofort in den Medien gestellt werden - nämlich dann, wenn das Schlimmste passiert ist, was nur passieren konnte. Schuldzuweisungen seien schnell bei der Hand, oftmals ohne konkrete Hinweise, ob das Jugendamt tatsächlich fehlerhaft gearbeitet hat. Natürlich könnten falsche Entscheidungen auch beim ASD nicht ausgeschlossen werden, "kein Mensch ist perfekt", so Glatzel. Aber: Manche Situationen in Familien seien alles andere als eindeutig. Beurteilungen und Entscheidungen würden laut Heller nie allein, sondern stets von mehreren Fachkräften getroffen. Aber auch die könnten sich natürlich mal irren: "Was im einen Moment richtig und sinnvoll erscheint, kann sich im Nachhinein als Entscheidung herausstellen, die eine andere hätte sein sollen", betont die Sozialpädagogin. Weil sich Menschen nämlich nicht immer rational und vorhersehbar verhalten.

Dennoch dürften Fehler, die zur Kindeswohlgefährdung oder gar zum Tod eines Kindes oder Jugendlichen führt, natürlich nicht passieren. "Dabei stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialen Dienstes fast täglich vor Situationen, in denen sie entweder zu wenig oder zu viel Hilfe anbieten", sagt Reinhard Glatzel. Und die betroffenen Eltern seien damit nicht immer einverstanden, fühlen sich bevormundet, lehnen Hilfen auch ab. "Unsere Mitarbeiter haben alles andere als einen leichten Job", betont der Jugendamtsleiter.

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