Musica Antiqua Alfred Gross bei der Musica Antiqua

Alfred Gross war zu Gast bei der Musica Antiqua. Foto: pr/Kulturamt
Alfred Gross war zu Gast bei der Musica Antiqua. Foto: pr/Kulturamt © Foto: pr/Kulturamt
SUSANNE ECKSTEIN 30.11.2016

Froberger hören und verstehen“ nannte Alfred Gross sein Gesprächskonzert in der gotischen Kapelle beim Heimatmuseum. Ein kleiner, doch interessierter Zuhörerkreis ließ sich einführen in die barocke Symbolsprache.

Es gibt 2016 neben dem Todesjahr von Max Reger noch ein weiteres Komponisten-Jubiläum: den 400. Geburtstag von Johann Jakob Froberger, ein aus Stuttgart gebürtiger Cembalo-Virtuose, Reisender und Tonsetzer der Barockzeit. Zudem war er verbunden mit dem württembergischen Herrscherhaus in Person von Herzogin Sibylla; an ihrem Hof in Héricourt (Mömpelgard) wirkte er als Musikmeister; zuvor unter anderem am Habsburger Kaiserhof Ferdinands III.

Alle drei Herbst-Konzerte widmet der Reutlinger Cembalist Alfred Gross dieses Jahr der Musik Frobergers. Unlängst fand der gut besuchte Auftakt statt, der zweite Termin dieser Tage war als Vortrag mit Cembalomusik gestaltet, assistiert von Prof. Nicole Schwindt an Laptop und Beamer. Das Thema der von Froberger in die Noten hineinkomponierten außermusikalischen Symbolik braucht Extra-Information und optische Unterstützung.

Aus naheliegenden Gründen konnte Alfred Gross nur beispielhaft in kurze Abschnitte einführen; er nahm die Zuhörer/Zuschauer mit zu einer musikalischen Tiefenschürfung besonderer Art. Als Beispiele wählte er zwei Lamenti auf Ferdinand IV., das „Tombeau de Monsieur Blancrocher“, die „Allemande faite en passant le Rhin en grand péril“ (entstanden bei einer gefahrvollen Rheinüberquerung) und zwei Stücke für Frobergers Gönnerin und Cembaloschülerin Herzogin Sibylla. Dank sorgfältiger Auswahl, Markierung und Darbietung auf Leinwand und Cembalo wurde eine Fülle verborgener Details und Deutungsmöglichkeiten ans Licht geholt – Seufzer und Verbeugung, in Tonbuchstaben verschlüsselte Namen, eine Himmelsleiter, Tod und Begräbnis des Monsieur Blancrocher (mit reichlich Kreuzen versehen), ein Schiffsunfall und eine in Noten versteckte Liebesbotschaft.

Geschickt auch die Dramaturgie, sich der Sache quasi detektivisch von einem Schlüssel-Zitat aus zu nähern, etwa Matthesons Andeutung, er besitze eine Allemande von Froberger, worin eine Rhein-Überfahrt „in 26 Noten-Fällen ziemlich deutlich vor Augen und Ohren gelegt wird“. Um so erstaunlicher, wie hoch verdichtet und dabei organisch die musikalischen Bilder im Stück aufeinander folgten!

Was sich aus dieser Spurensuche und Frobergers Anweisung, frei zu spielen, für die Interpretation ergibt, greift tiefer. Wer sich wie Alfred Gross akribisch mit Details, Verläufen, möglichen Deutungen und alternativen Gestaltungsmöglichkeiten auseinandersetzt, gewinnt einen neuen Zugang zu Frobergers Musik.

„Es mag zwar hochspekulativ sein“, so der Cembalist, „aber ich spiele anders, wenn ich die Symbole kenne. Auch das Zeitgefühl verändert sich.“ Erhellend fürs Publikum war auf jeden Fall Gross’ direkte Konfrontation eines naiv taktmäßigen Abspielens mit seiner symbol- und gesten-bewussten Interpretation.

Am Ende konnten die Zuhörer ihre Fragen loswerden, und Alfred Gross erzählte noch von den verschlungenen Wegen der Handschriften, die längst nicht alle zugänglich und erforscht sind.