Die Zahlen, die Mario Zimmermann, Koordinator für Luftreinhaltung bei der Stadt, gestern Abend im Bau-, Verkehrs- und Umweltausschuss (BVUA) vorstellte, stimmen zuversichtlich. Die Stadt ist im Bemühen um eine bessere Luft vorangekommen, die Stickstoffdioxidwerte (NO2) an der Messstation in der Lederstraße sind trotz gelegentlicher, nicht immer erklärbarer Ausreißer nach oben in den vergangenen Wochen insgesamt deutlich zurückgegangen.

Bislang unter dem Grenzwert

Wurde im Januar noch ein Monatsmittelwert von 54,4 Mikrogramm NO2/Kubikmeter Luft an der Messtation in der Lederstraße gemessen, lagen die NO2-Werte bei 35,8 (Februar), 32,3 (März) und 36,2 Mikrogramm/Kubikmeter Luft im April. Mit einem bisherigen Jahresmittel von 39 liegt die Stadt unter dem zulässigen Grenzwert von 40 Mikrogramm/Kubikmeter Luft.

40 Prozent weniger PKW

Die geringeren Stickstoffdioxid-Emissionen sind nicht nur eine Folge des Umweltverbunds, sie sind auch dadurch bedingt, dass derzeit weniger Fahrzeuge in der Stadt unterwegs sind. Laut Zimmermann wurden im Zeitraum vom 1. Januar bis 23. Februar (der letzte erhobene Wert vor der Verhandlung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig am 27. Februar) an Werktagen täglich 36 200 PKW und leichte Nutzfahrzeuge gezählt, im April waren es nach der kompletten Sperrung der rechten Fahrspur in der Lederstraße noch 27 900. Das sind rund 40 Prozent weniger als 2016, als täglich immerhin 46 500 Autos die Lederstraße in Richtung Pfullingen passierten.

Zahlreiche Verstöße

Seit Anfang März wird regelmäßig ein bis zwei Mal die Woche kontrolliert, ob sich die Autofahrer auch an die Spursperrung halten. 760 Verstöße wurden bislang, wie Ordnungsamtsleiter Albert Keppler ausführte, gezählt. Wer erwischt wird, zahlt mindestens 90 Euro und erhält einen Punkt. Auch nach dem Ende der Corona-Pandemie-Maßnahmen solle die die 24-Stunden-Sperrung beibehalten werden, bekräftigte Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz.

Die tägliche Zahl der schweren Nutzfahrzeuge, welche die Lederstraße befahren, sank ebenfalls werktags von 2430 (2016) über 1100 (Januar/Februar 2020) auf jetzt 1020 im April. Darunter befinden sich etwa 360 Busse. Seit Anfang des vergangenen Monats kontrolliert die Stadt regelmäßig, ob sich die Lastwagen an das Durchfahrtsverbot halten: Allein im vergangenen Monat wurden, wie Keppler sagte, 229 Verstöße registriert.

Hotz: Luft nach oben

„Hier ist noch Luft nach oben“, konstatierte Ulrike Hotz. Wichtig aus ihrer Sicht ist, dass die umgesetzten Maßnahmen greifen und dass Reutlingen die Grenzwerte auch ohne die Auswirkungen der Corona-Pandemie eingehalten hätte.

„Corona sei Dank, die Grenzwerte werden eingehalten“, kommentierte Holger Bergmann, eine Formulierung, die ihm einige Kritik vonseiten seiner Kollegen im Ausschuss eintrug. Der Stadtrat der Grünen und Unabhängigen erinnerte an die Zusage von OB Thomas Keck, den Fußgängerüberweg am Matthäus-Alber-Haus wieder zu öffnen, wenn sich die Werte dauerhaft eingespielt hätten. Ulrike Hotz sagte eine sorgfältige Prüfung nach Ende der derzeit noch laufenden Arbeiten an der Lärmschutzwand zu.

Das „unfreiwillige Experiment“ (Corona) beschere der Stadt einen deutlichen Einbruch bei den Verkehrszahlen und damit auch eine bessere Luft, konstatierte Helmut Treutlein. Der SPD-Fraktionsvorsitzende geht davon aus, dass die wirtschaftliche Belebung wieder zu einer Zunahme der Mobilität und damit Verkehr führen werde. Daher wünsche er sich, dass sich der Verkehrsmix in der Stadt ändere. Wie FWV-Stadtrat Georg Leitenberger sieht auch die CDU-Fraktionsvorsitzende Gabriele Gaiser die Stadt „in der Summe auf einem guten Weg“ – auch wenn der ÖPNV derzeit schwere Zeiten erlebe. Allerdings lasse sich, so Gaiser, die Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen erst wieder im Normalbetrieb beurteilen.

Es sei erfreulich, dass „wir die Grenzwerte bislang einhalten“, sagte auch Prof. Jürgen Straub. Der WiR-Stadtrat verwies aber auch auf den hohen Anteil der Hintergrundbelastung.