Im Herbst des vergangenen Jahres führte der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) erneut einen Fahrrad-Klimatest durch. Vom 1. September bis zum 30. November konnten Radfahrer in Deutschland wieder über das Fahrradklima in ihren Städten und Gemeinden abstimmen. Dazu konnten wieder viele Fragen zu einzelnen Themen mit Schulnoten benotet werden. Je nach Einwohnerzahl war eine Mindestbeteiligung notwendig, damit der Ergebnisse in die Auswertung aufgenommen wurden.
Diese Ergebnisse liegen nun vor. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 3,9 und bleibt damit immer noch unbefriedigend. Aus dem Landkreis Reutlingen haben es wieder Reutlingen (4,2), Metzingen (3,8) und Pfullingen (4,3) in die Ergebnislisten geschafft. Die drei Kommunen liegen damit nahe am Bundesdurchschnitt oder gar darunter.

Förderung lässt hoffen

Reutlingen verbessert sich damit von Rang 33 auf Platz 27 unter den Städten in Deutschland mit mehr als 100 000 aber weniger als 200 000 Einwohnern. Bei Metzingen und Pfullingen ist ein Vergleich mit den Vorjahren erschwert, da es bundesweit deutlich mehr Städte in den Größenordnungen von Metzingen und Pfullingen ins Ranking geschafft haben als beim letzten Mal. Metzingen liegt weiter im Spitzenfeld des zweiten Drittels, Pfullingen gehört laut ADFC zu den 15 Prozent der am schlechtesten bewerteten Städte und Gemeinden.

Sicherheit in Reutlingen: Note 4,6

Am wichtigsten werden durch die Radler die Themen Sicherheitsgefühl, die Konfliktfreiheit zwischen Rad- und Autoverkehr und die Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer eingestuft. Beim Sicherheitsgefühl reichen die Noten von 4,1 in Metzingen über 4,3 in Pfullingen bis 4,6 in Reutlingen und sind damit in allen drei Städten „inakzeptabel schlecht“, schreibt der ADFC Kreisverband Reutlingen. Zwar hat es sich in Reutlingen und Pfullingen um 0,1 Punkte marginal verbessert im Vergleich zu 2018, in Metzingen jedoch hat sich der Wert um 0,4 Punkte verschlechtert.

Stellenwert in Politik nimmt etwas zu

Etwas differenzierter wurde der Stellenwert des Radverkehrs bewertet. Hier haben sich die Noten in der Stadt Reutlingen merklich verbessert. Fahrradförderung, Reinigung und Winterdienst auf Radwegen sowie Ampelschaltungen wurden besser bewertet. Dabei ist die Note 3,4 bei „Fahrradförderung in jüngster Zeit“, die drittbeste Note der Einzelbewertungen in Reutlingen, laut ADFC Reutlingen ein klarer Verdienst der Task-Force-Radverkehr im Rathaus. Es bestehe jedoch kein Grund zur Euphorie, auch in dieser Kategorie liegen fast  alle Einzelnoten zwischen 4 und 5. In Pfullingen wird die Situation im Großen und Ganzen unverändert schlecht eingeschätzt. Deutlich abgerutscht ist dagegen die Benotung für diese Punkte in Metzingen.

Von Fußgängern und Autofahrern separieren

Die Konflikte mit dem KFZ-Verkehr werden dagegen in Metzingen am besten benotet. Die Note 3,9 für Metzingen ist deutlich besser als die 4,4 für Pfullingen oder die Note 4,6 für Reutlingen. Eine deutliche Trennung der Verkehrswege ist dabei klar der Wunsch der Radfahrenden. Keine Lösung ist dabei, Radfahrende und Fußgänger zusammen zu führen, denn auch die Konflikte mit den Fußgängern werden schlecht bewertet mit Noten zwischen 3,4 in Metzingen und 4,0 in Pfullingen.
Bei der Infrastruktur werden in allen drei Städten die Breiten der Radwege, die Führung an Baustellen und die mangelnden Möglichkeiten zur Fahrradmitnahme im Öffentlichen Nahverkehr kritisiert. In allen drei Städten ragt dagegen die Erreichbarkeit des Stadtzentrums mit dem Fahrrad positiv aus der Bewertungsskala heraus, zügiges Radfahren ist folglich möglich. Bestnoten erhalten Reutlingen und Metzingen bei geöffneten Einbahnstraßen in Gegenrichtung, hier sehen die Radfahrer in Pfullingen noch deutliches Verbesserungspotenzial.

Fazit: Es bleibt viel zu tun

Als Fazit bleibt: Alle drei Städte haben deutlich Luft nach oben. In Reutlingen besteht die Hoffnung, dass sich die Situation in Zukunft verbessert, da das Thema Fahrradförderung angegangen und von den Radfahrenden auch wahrgenommen wird. Die in Metzingen in letzter Zeit ergriffenen Maßnahmen gehen an den Bedürfnissen der Radfahrenden vorbei, in Pfullingen hat die Verbesserung der Situation für die Radfahrenden noch nicht den Stellenwert gefunden, der notwendig wäre, so der ADFC-Kreisverband Reutlingen.

Corona steigert die Bedeutung des Fahrrads


Im ADFC-Fahrradklima-Test 2020 wurden auch Fragen zur Corona-Pandemie in Verbindung mit dem Radfahren gestellt. Aus den Ergebnissen ist ersichtlich, dass das Zweirad als Fortbewegungsmittel für die Bürger der Stadt Reutlingen wichtiger geworden ist. Der Aussage „Bei uns ist während der Corona-Zeit die Bedeutung des Fahrrads gestiegen“ stimmen 17 Prozent der Befragten mit der Schulnote 1 zu – hinzu kommen 24 Prozent bei der Schulnote 2 und 21 Prozent mit einer 3.

Dem gegenüber steht allerdings das Ergebnis zur Aussage „Radfahrern wurden handfeste Signale für mehr Fahrradfreundlichkeit gegeben“. 54 Prozent der Befragten verteilen hier eine glatte 6 und 23 Prozent die Note „mangelhaft“. swp