Das Positive zuerst: Die Luft in der Stadt Reutlingen hat sich laut Messungen des vergangenen Jahres erheblich verbessert. Seit Sommer 2018 hat die Stadt über Stickstoffdioxid-Passivsammlermessungen an mehr als 30 Stellen im gesamten Stadtgebiet permanent die Luft analysiert. Dabei hat sich gezeigt, dass nur an zwei Stellen die von der EU vorgeschriebenen 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) pro Kubikmeter überschritten werden: an der Konrad-Adenauer-Straße und der Lederstraße und dort nur auf einem kleinen Abschnitt. Die schlechte Nachricht: Der Stadt könnte immer noch ein Diesel-Fahrverbot drohen. Weil eben an der Messstelle Lederstraße die Werte nicht eingehalten werden.

Die Zeit drängt, weitere Maßnahmen zur Luftverbesserung umzusetzen. Denn schon am Montag wird die erste Klage der Deutschen Umwelthilfe gegen das Land Baden-Württemberg vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim verhandelt, weil gleich mehrere Städte die in allen EU-Ländern geltenden Werte überschreiten und nicht genug zur Luftreinhaltung beitragen, so die Meinung der Umwelthilfe. Ausgerechnet in der ersten Klage geht es gleich um die Stadt Reutlingen.

Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz will nicht mit leeren Händen nach Mannheim fahren. Der Bau-, Verkehrs- und Umweltausschuss hat deshalb in nichtöffentlicher Sitzung am Donnerstagabend gleich mehrere Beschlüsse gefasst, die den Richtern verdeutlichen sollen, dass Stadt und Gemeinderat alles unternehmen, um die Luftqualität unter der Achalm zu verbessern. Neben den Beschlüssen, photokatalytische Anstriche an den Gebäuden Lederstraße 84, 86, 88 durchzuführen, das Lkw-Durchfahrtsverbot strenger durchzusetzen und die Lärmschutzwand an der Messstation Lederstraße zu erneuern und zu versetzen, soll nun erneut die Sperrung einer Fahrspur stadtauswärts geprüft und eine konkrete Planung für die Installation von so genannten Filter Cubes vorgelegt werden.

Eine rasche Verbesserung der Luftqualität verspricht man sich bei der Verwaltung vor allem durch den Aufbau von Filteranlagen. Entlang der Lederstraße, zwischen der alten Feuerwache und dem Lindachknoten, sollen zwischen 25 und 30 so genannte Filter Cubes aufgestellt werden. Dabei handelt es sich um Absaug­anlagen, die Luft einsaugen, diese über einen Kohlefilter von Stickstoffdioxid reinigen und wieder abgeben. Die Luftfilter sind bereits in Stuttgart gegen Feinstaub im Einsatz. Für die Stickstoff-Reduktion bestehen bislang nur Pilotversuche. Die Säulen sind einen Meter lang und breit und 3,60 Meter hoch. Die Installationskosten belaufen sich auf rund 600 000 Euro, die Betriebskosten liegen bei bis zu 32 000 Euro pro Monat. Stromkosten in Höhe von rund 70 000 Euro pro Jahr werden zudem auflaufen, da die Absauganlagen dauerhaft in Betrieb sind. Im ersten Jahr fallen Kosten von einer Million Euro an. Laut Auskunft der Firma Mann+Hummel, die die Filteranlagen herstellt, wird mit einer Lärmbelastung von 54 bis 60 Dezibel gerechnet. Die Lärmbelastung eines Staubsaugers liegt bei 70 Dezibel.

Jürgen Fuchs (FWV) war der Meinung: „Wenn’s keinen anderen Weg gibt, müssen wir das eben machen.“ Gabriele Gaiser (CDU) betonte, wie wichtig die Vermeidung von Fahrverboten sei. „Es gibt Leute, die können sich nicht einfach auf die Schnelle ein neues Auto kaufen.“ Und Regine Vohrer (FDP) sagte: „Ich will mir nicht vorstellen, was hier los ist, wenn es Diesel-Fahrverbote gibt.“

Alles andere als begeistert zeigten sich indes die Grünen und auch die SPD. Gabriele Janz und Susanne Müller (beide Grüne) stellten die ihrer Ansicht nach ungeklärten Fragen in den Raum: Wie viel Lärm verursachen die Anlagen, wie hoch ist der Platzbedarf, welche Garantien gebe es, ob die Anlagen überhaupt etwas nutzen? Und: Was geschehe denn mit den Filtern, die einmal im Monat ausgetauscht werden? Diese werden verbrannt, eine Recycling-Möglichkeit gebe es derzeit noch nicht, so der Firmenvertreter. Für Ramazan Selcuk (SPD) ist die Investition eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Und er frage sich, ob denn die Säulen angesichts des ganzen Stromverbrauchs nicht mehr Stickoxide produzieren als absorbieren.

Die Säulen brauchen Platz. Zum einen würde nach den Planungen der Verwaltung eine der beiden Fahrbahnen verengt, zum anderen würden die Sockel aber auch vom Geh- und Radweg Platz wegnehmen. Das konnten sich nun die Grünen überhaupt nicht vorstellen. „Die Cubes überzeugen uns nicht“, betonte Susanne Müller in einer Stellungnahme ihrer Fraktion. Weshalb die Grünen auf eine alte Forderung, übrigens auch des Regierungspräsidiums, zurückkämen: Die Sperrung der rechten Fahrspur stadtauswärts, also in Richtung Pfullingen. Dadurch würde der Autoverkehr auch von der Messstation abgerückt. „Wir würden uns mehrere Millionen und auch eine Verschandelung der Lederstraße ersparen.“ Ein Vorschlag, mit dem sich nun auch Jürgen Fuchs (FWV) anfreunden konnte. „Das gefällt uns. Aber es muss funktionieren. Nicht dass wir dann wieder Stau produzieren.“ Die CDU sieht darin keinen Sinn. Der Aufbau von Filteranlagen sei eine gute Möglichkeit, die Messwerte tatsächlich zu verbessern. Andreas vom Scheidt (CDU) forderte seine Ratskollegen zu „mutigen Maßnahmen“ auf, um die Luft in Reutlingen zu verbessern. Professor Jürgen Straub (WiR) hielt dagegen: „Die Cubes haben mich nicht überzeugt.“

Mehrheitlich gab es, wie erwähnt in nichtöffentlicher Sitzung, schließlich den Auftrag an die Stadt, weitere detaillierte Planungen zur Installation möglicher Filter Cubes dem Gemeinderat vorzulegen.

Weitere Maßnahmen zur Luftreinhaltung


Ein ganzes Maßnahmenpaket hat die Stadt vorgestellt, um die Messwerte zu drücken. Neben den vorgeschlagenen Filteranlagen sind dies:

Versetzung der Lärmschutzwand: Durch das Entfernen des Daches über dem Lärmschutzbauwerk zwischen den Gebäuden Lederstraße 84 und 86 ist eine Reduzierung des Stickstoffdioxids um 0,5 Mikrogramm zu erwarten. Zudem könnte die Lärmschutzwand zurückversetzt werden, was weitere Messverbesserungen einbringt.

Ein photokatalytischer Fassadenanstrich an den Gebäuden 84, 86 und 88 führt ebenfalls zu besseren Messwerten von mindestens einem Mikrogramm.

Flottenfortschreibung 2020: Die Linienbusse sollen mit Euro VI ausgestattet werden.

Konsequente Kontrolle des Lkw-Durchfahrtsverbots: Stadt und Gemeinderäte bemängeln, dass immer noch zu viele Lastwagen durch die Stadt fahren. Es gebe zu wenige Kontrollen. ce