Reutlingen/Tübingen Abgetaucht in die virtuelle Welt

Reutlingen/Tübingen / SIMON WAGNER 23.07.2016
Der 45-jährige Reutlinger, wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs angeklagt, ließ erstmals eine Erklärung durch seinen Anwalt verlesen.

In einer Online-Community hatte er Namen wie „der_Lehrmeister“, „Enrico_14“ oder „Sportlehrer Mario“. Er gab sich mal als Jugendlicher, mal als erfolgreicher Steuerberater aus: Fluchten aus einem öden Alltag, zwischen Alkohol und Arbeitslosigkeit. Als „Sog“, als einen „rauschhaften Zustand“, als eine Spirale beschrieb der 45-Jährige jetzt sein Leben zwischen Online-Chats, Alkohol und Drogen.

Diese Mischung, zusammen mit einem angekratzten Selbstwertgefühl, habe ihn zunehmend in die virtuelle Welt abtauchen lassen. „Im wahren Leben habe ich nichts auf die Reihe gebracht. Aber im Internet war ich jemand.“ Fünf Stunden täglich. Manchmal länger.

Zunächst seien es gleichaltrige Frauen gewesen, mit denen er Kontakt hatte und mit denen er sich verabredet habe. „Ich habe gemerkt, dass die erfundenen Identitäten auch in der Realität ankamen. Ich bin regelrecht aufgeblüht.“ Schließlich sei er auch von Jüngeren angesprochen worden. Das habe ihm „geschmeichelt“. Grenzen habe er keine mehr gezogen: „Es war ja alles anonym“. Sexuell gefärbte Nachrichten wurden anschließend per Handy ausgetauscht und schließlich sei es auch mit fünf Mädchen zu Treffen gekommen – und zu mehr. Dass es falsch gewesen sei, die Neugier der Mädchen auszunutzen, räumte er am Donnerstag ein.

Allerdings, so ließ der 45-jährige Reutlinger durch seinen Verteidiger verlesen, hätten die sexuellen Kontakte immer nur im gegenseitigen Einvernehmen stattgefunden. Zu keiner Zeit habe er körperliche oder psychische Gewalt angewendet. Entsprechende Aussagen vor Gericht bezeichnete er als gelogen.

Jene Vorwürfe stützen die Anklage der Staatsanwaltschaft, der sich der Mann derzeit am Landgericht Tübingen gegenübersieht. Sie wirft ihm vor, über zwei Jahre hinweg gezielt den Kontakt zu Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren gesucht und sie teils mit Versprechungen und Geschenken zu Treffen überredet zu haben. Es soll zu Vergewaltigungen und zum sexuellen Missbrauch eines Kindes gekommen sein.

Den Antrag der Verteidigung, die Angaben der Mädchen einem aussage-psychologischen Gutachten zu unterziehen, wies die Kammer unter Vorsitz von Richterin Diana Scherzinger am Donnerstag zurück. Stattdessen hörte sie die Ausführungen des psychiatrischen Gutachters Dr. Peter Winckler. Er attestiert dem Angeklagten den Verdacht auf eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit psychisch labilen, dissozialen wie auch narzisstischen Anteilen. Gleichwohl hält er den Angeklagten für schuldfähig, seine Steuerungsfähigkeit für nicht eingeschränkt. Zu zielgerichtet und planvoll sei er vorgegangen. Auch eine Suchtmittelabhängigkeit konnte Winckler nicht feststellen. Ebenso wenig hätten depressive Phasen eine Rolle gespielt. Schon seine ausdauernde und wahllose Suche nach Kontakten spreche gegen die sonst typischen Rückzugtendenzen: „Er hat ja alles angebaggert, was bei drei nicht auf den Bäumen war.“ Für pädophil hält er den 45-Jährigen, trotz seiner sexuellen Umtriebigkeit, nicht.

Gleichwohl erkennt der Gutachter im Angeklagten den Hang, sich über gesellschaftliche Regeln und Konventionen hinwegzusetzen. Unbehandelt, bestehe ein hohes Risiko für weitere Verhaltensauffälligkeiten. Er rät dringend zu einer Therapie. Die Erfolgsaussichten schätzt er „verhalten optimistisch“ ein. Den Punkt der „Ultima Ratio“ sieht er deshalb noch nicht erreicht: die Verhängung der Sicherungsverwahrung.

Am Montag wird die Kammer die Plädoyers hören. Allerdings, zum Schutz der Opfer, hinter verschlossenen Türen. Das Urteil der 3. Jugendschutzkammer soll am kommenden Donnerstag verkündet werden.