AK Antidiskriminierung Antidiskriminierung: Ab Januar steht AK auf eigenen Beinen

Lutz Adam und Marjam Kashefipour vom AK Antidiskriminierung.  Foto: Norbert Leister
Lutz Adam und Marjam Kashefipour vom AK Antidiskriminierung. Foto: Norbert Leister © Foto: Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Norbert Leister 10.11.2016
Der Arbeitskreis Antidiskriminierung zog eine Bilanz der bisherigen Arbeit. In der Zukunft dominiert der Wunsch nach gesicherter Finanzierung und einem eigenen Büro.

Ein Beratungsbeispiel: Drei junge Flüchtlinge wurden in einem Lebensmittelgeschäft des Diebstahls bezichtigt. Die Polizei fand keine Indizien für eine Tat, dennoch wurde vom Betreiber des Ladens ein einjähriges Hausverbot für die Männer verhängt. Ein klarer Fall von Diskriminierung, sind sich Marjam Kashefipour und Lutz Adam vom Arbeitskreis Antidiskriminierung einig. In der Beratung durch die Fachleute des AK wurden die jungen Männer bestärkt, ein Brief an die Firma blieb zunächst unbeantwortet, erst auf Nachhaken eines Beratungsanwaltes wurde das Hausverbot aufgehoben. „Den Betroffenen gab dies ein Stück Glauben an unsere Gesellschaft zurück“, so Kashefipour, die zusammen mit Lutz Adam dem Antidiskriminierungs-Verein Reutlingen und Tübingen vorsteht.

Vor vier Jahren entstand die Geschichte des Vereins mit einem Runden Tisch zum Thema Antidiskriminierung in der Achalmstadt. „2014 haben wir die Arbeit auf Tübingen ausgedehnt“, berichtet Lutz Adam. Im selben Jahr wurde auch der Verein gegründet, „weil wir diese Struktur brauchten, um als Träger auch Projekte durchführen zu können“, so Adam. Und auch um Fördermittel zu erhalten – vom Land etwa, seit 2015 auch von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Ein konstanter Geldgeber ist nun die Stadt Tübingen, „Reutlingen hat unseren Antrag jedoch schon dreimal abgelehnt“, so Kashefipour.

Wichtigster Punkt der Arbeit des noch jungen Vereins ist die Beratung von Menschen, die diskriminiert wurden. „Die meisten Ratsuchenden kamen im vergangenen Jahr wegen ihrer Herkunft und wegen Rassismus zu uns, 25 waren das, darunter viele Geflüchtete“, betont die Ethnologin.

An zweiter Stelle in der Statistik lag die Diskriminierung aufgrund von Behinderung oder psychischen Krankheiten mit 17 Fällen. Doch Menschen meldeten sich auch bei den Beratern, weil sie wegen ihrer sexuellen Orientierung herabgewürdigt, benachteiligt oder diffamiert wurden. Eines habe sich auf jeden Fall deutlich gezeigt: „Die Zahl der Ratsuchenden hat deutlich zugenommen“, betonen Kashefipour und Adam.

Drei Fachleute übernehmen die Beratungsarbeit im Auftrag des Vereins, weitere Honorarkräfte kommen hinzu. „Wir schulen aber auch andere Fachkräfte über Fortbildungen zu Antidiskriminierungsberatern“, betont Lutz Adam. Ein weiterer Schwerpunkt der Vereinstätigkeit: Mit diversen Projekten wie etwa einer „Talk-Show“ sollen Jugendliche zum Thema Diskriminierung gestärkt werden – „die Gespräche münden in künstlerische Projekte wie Rap-Texte, HipHop-Tanz, Fotos, Filme oder Grafitti“, so Marjam Kashefipour. „Viele Jugendliche, die in prekären Verhältnissen leben, haben das Gefühl in dieser Gesellschaft nicht gebraucht zu werden – durch solche Projekte erleben sie oft zum ersten Mal ihren Selbstwert“, sagt Adam.

Ein weiteres Thema bei der Arbeit des Vereins ist die Vernetzung. Zweimal jährlich treffen sich Träger und Initiativen in Reutlingen und Tübingen am Runden Tisch, Ideenwerkstätten führen dann oft zu Workshops. „Im November haben wir die Möglichkeit, vor mehr als 1000 Beschäftigten der Stadt Tübingen das Beratungsangebot vorzustellen“, sagt Kashefipour. Zahlreiche Kooperationspartner hat der Verein mittlerweile, die Hochschule Reutlingen und die Universität Tübingen gehören mit dazu, ebenso wie Ridaf, Verdi Fils-Neckar-Alb, das Weltethos-Institut, franz k. und viele mehr.

„Und ab 1. Januar 2017 sind wir völlig unabhängig“, betont Lutz Adam. Die BruderhausDiakonie sei bei der Aufbauarbeit des Runden Tisches und des Vereins extrem hilfreich gewesen, nun sei die Unabhängigkeit aber ein bedeutender Teil des Konzepts.

Ganz besonders wichtig für die weitere Tätigkeit seien nun Geldgeber, abseits der Projektfinanzierung. Erst an zweiter Stelle käme laut Kashefipour der Wunsch nach einem Büro, „das wäre toll, eins zu haben, aber noch dringender ist die Finanzierung der Arbeit“. Norbert Leister

Kontaktmöglichkeiten zur Beratungungsstelle

Ratsuchende können sich beim AK Antidiskriminierung per Email melden, unter beratung@nw-ad.de. Weitere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme bestehen unter ☎ (0 70 71) 143 10 40 oder im Internet unter www.netzwerk-antidiskriminierung.de.

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