Der Mann habe das sexuelle Interesse seiner Schützlinge zwischen zwölf und 14 Jahren angefacht und ausgenutzt, wirft ihm Staatsanwältin Rotraud Hölscher vor. Es sei unter anderem im Gemeindezentrum eines Reutlinger Stadtteils zwischen 2012 und Frühjahr 2014 wiederholt zu massiven sexuellen Handlungen an ihm, an den Mitgliedern der freikirchlichen Pfadfinderschaft oder unter den Jungen untereinander gekommen. Zu verschiedenen Gelegenheiten soll der Gruppenleiter Sexspielzeug, Alkohol und Pornofilme zu den Treffen mitgebracht haben, man habe Strip-Poker "mit scharfem Einsatz" gespielt und der 24-Jährige habe die Jungen in Vorbereitung der Gruppenstunden dazu ermutigt, ihre sexuellen Wünsche zu formulieren. Über 30 einzelne Straftaten wirft die Staatsanwaltschaft dem Gruppenleiter vor. Darunter mehrfacher sexueller Missbrauch in besonders schweren Fällen.

Der bis dahin ahnungslose Vater eines betroffenen Jungen informierte die Polizei, nachdem er auf dessen Handy einen verdächtigen Chat entdeckte. Bei der Wohnungsdurchsuchung fand man bei dem Betreuer unter anderem kinder- und jugendpornografisches Bildmaterial, Gleitmittel, die Verpackung von Dildos, aber auch einen sexuell orientierten "Wunschzettel", den er offenbar seinen Schützlingen abverlangte - mit "zum Teil widerlichen Sachen", wie es ein Kripobeamter der 3. Jugendschutzkammer um den Vorsitzenden Richter Martin Streicher beschrieb.

Seit Juni sitzt der Angeklagte in Untersuchungshaft. Er schwieg zur Prozesseröffnung am Montag und verdeckte die meiste Zeit seine Augen. Er vermied so Blickkontakt zu den zahlreich erschienenen und erschüttert wirkenden Eltern, die im Prozess als Nebenkläger auftreten. Dem Beschuldigten zur Seite saß vertretungsweise Anwältin Julia Geprägs. Sie kündigte an, der 24-Jährige werde sich Anfang Januar, dann im Beisein seines Wahlverteidigers Hans-Christoph Geprägs, detailliert zu den Vorwürfen äußern.

Von ihm unkommentiert blieben so Ermittlungsergebnisse, die der Polizist dem Gericht schilderte. Seinem Eindruck zur Folge, stand bei den Pfadfindertreffen nicht die Vermittlung christlicher Werte im Vordergrund, sondern es sei vor allem darum gegangen "Spaß" zu haben. Dabei habe in der Gruppe ein Ehrenkodex geherrscht: "Es wurde besprochen, dass nichts nach außen dringen darf, was in der Gruppe stattfindet." Um das sicherzustellen, habe der 24-Jährige eine regelrechte "Legende" aufgebaut und sich gegenüber seinen Schützlingen als "Held" dargestellt. Er behauptete, Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes gewesen zu sein, er verfüge über erhebliche finanzielle Mittel und pflege zudem exzellente Kontakte zu den Reutlinger Hells Angels. Es bestehe daher die Möglichkeit, den einen oder anderen "beseitigen zu lassen". Vom Rockermilieu habe er sich gleichwohl gelöst, nachdem er zum Glauben fand. Ebenfalls aus den Chats hervorgegangen sei, wie er den Jungen gegenüber die sexuellen Aktionen rechtfertigte: Er habe ihnen ihre Schlechtigkeit vor Augen führen wollen.

Das Verhalten der Buben bei ihrer Befragung durch Polizeibeamte beschrieb der Zeuge als "offen und zugänglich". Aufgefallen sei ihm aber ihre drastisch sexualisierte Sprache: "Eine Sprache, die mit ihrer Entwicklung und ihrer Reife nichts zu tun haben kann." Ob die Jungen im Beisein eines psychiatrischen Sachverständigen erneut aussagen müssen, hängt davon ab, wie detailliert der Angeklagte auf die Vorwürfe eingehen wird.