Der Freundeskreis wählte den 37-jährigen FDP-Stadtrat Dr. Carl-Gustav Kalbfell zu ihrem kommissarischen Vorsitzenden. Er wird sich an der Spitze eines siebenköpfigen Führungsgremiums um den Eintrag des Freundeskreises ins Vereinsregister und die Bestätigung der Gemeinnützigkeit kümmern. "Dann wollen wir alle Hebel ins Bewegung setzen, um die historische Häuserzeile an der Oberamteistraße zu retten", sagte der Regierungsdirektor und Jurist.

Sein Fraktionskollege Hagen Kluck hatte zur Gründungsversammlung eingeladen. "Die meisten Bürgerinitiativen werden von Leuten gegründet, die gegen etwas sind, wir wollen eine Bürgerinitiative gründen, die für etwas ist." Ziel sei der Erhalt, die denkmalgerechte Sanierung und Weiterentwicklung von historischen Gebäuden, insbesondere Baudenkmälern, in der Altstadt. Da es im Gemeinderat keine klaren Mehrheiten für die eine oder andere Lösung gebe, müsse die Bürgerschaft die Sache in die Hand nehmen. "Die Häuser an der Oberamteistraße gehören uns allen", rief Kluck aus, "retten wir sie!"

Dr. Wilhelm Borth vom Geschichtsverein und Fritz-Eberhard Griesinger vom Schwäbischen Heimatbund begrüßten die Initiative. Mit dabei waren auch die Stadträte Rainer Löffler, Ulrich Lukaszewitz, Holger Bergmann und Thomas Ziegler sowie Jürgen Knorrn, der schon vor elf Jahren versucht hatte, einen Förderverein zur Unterstützung der Erweiterungspläne für das Heimatmuseum zu gründen. Er fand damals keine Mitstreiter und erklärte sich jetzt spontan zur Mitarbeit bereit. Dem kommissarischen Vorstand gehören Sibylle Voss, Andreas Vogt, Regine Vohrer, Hans Bock und Camila Romanato an.

Kalbfell verwies auf Nürnberg und andere Städte, in denen denkmalgeschützte Gebäude durch bürgerschaftliches Engagement gerettet wurden. Auch in den Stadtbezirken Betzingen, Gönningen und Oferdingen gelinge das. Der Regierungsdirektor zeigte die verschiedenen Fördermöglichkeiten von Altstadtsanierungsprogrammen über Denkmalmittel und Stiftungsgelder bis zu staatlichen und kommunalen Zuschüssen auf. Der Altstadt-Freundeskreis wolle aber vor allem Eigenleistungen und Spenden aus der Bürgerschaft mobilisieren. Kalbfell will alles tun, um den Freundeskreis so schnell wie möglich auf eine rechtlich sichere Grundlage zu stellen, damit er als Partner der Stadt auftreten oder sich auch an einem möglichen Investoren-Wettbewerb beteiligen kann.

Der Freundeskreis-Vorsitzende rief dazu auf, Ideen für ein Nutzungskonzept zu entwickeln. Für eine komplette Museumsnutzung der Häuserzeile an der Oberamteistraße zeichne sich wegen der Folgekosten keine Rathaus-Mehrheit ab. Eine Machbarkeitsstudie des Architekturbüros Space 4 nenne einen Nutzungsmix von Wohnen, Gewerbe und musealer Nutzung als gute Basis für weitere Überlegungen. Auch die Stadtverwaltung wolle auf alle Fälle die Bohlenstuben und den mittelalterlichen Durchgang der Öffentlichkeit zugänglich machen. "Wir als gemeinnütziger Verein müssen eine Lösung anstreben, die für die Zukunft nichts verbaut", forderte Hagen Kluck. Was in Reutlingen fehle, seien beispielsweise Räume, in denen Vereine und Initiativen tagen könnten.

Carl-Gustav Kalbfell wohnt selber in der Reutlinger Kernstadt. Sibylle Voss, Andreas Vogt und Regine Vohrer haben hier ihren Lebensmittelpunkt. "Wir brauchen Frauen und Männer, die ein Feuer für diese Altstadt entfachen", hatte Hagen Kluck zu Beginn der Gründungsversammlung betont, "allerdings keinen neuen Stadtbrand, den sich manche vielleicht als Lösung des Problems im Sinne eines warmen Abbruchs wünschen."