Reutlingen "Wir sind Präsidium!"

Franz Lutz (54) ist einer von nur zwei Leitern einer Polizeidirektion, der nun das neue Präsidium aufbauen wird.
Franz Lutz (54) ist einer von nur zwei Leitern einer Polizeidirektion, der nun das neue Präsidium aufbauen wird.
PETER U. BUSSMANN 28.03.2012
Reutlingen wird Sitz eines der zwölf Polizeipräsidien im Land. Esslingen bekommt in der neu zu schaffenden Raumschaft die Kriminalpolizeidirektion, in Tübingen wird nur ein Kriminalkommissariat verbleiben.

Die gestern Mittag von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Innenminister Reinhold Gall im Zuge der viel diskutierten Polizeistrukturreform vorgestellten neuen regionalen Polizeipräsidien und ihre Standorte (mehr dazu in der Südwestumschau) sind aus lokaler Sicht nicht die allererste Wahl.

Anders als jetzt vom Ministerium ausgearbeitet favorisierten die Stadtoberhäupter in Reutlingen, Metzingen und Pfullingen, Barbara Bosch, Dr. Ulrich Fiedler und Rudolf Heß, sowie Landrat Thomas Reumann wie berichtet einen Zusammenschluss in der Region Neckar-Alb mit den gewachsenen Strukturen der Kreise Reutlingen, Tübingen und Zollernalb. "Wir haben dieses Ziel nicht erreicht", bedauerte der Landrat gestern.

Auch Reutlingens oberster Ordnungshüter, Leitender Polizeidirektor Franz Lutz, hätte diesen bewährten regionalen Zuschnitt gerne gesehen. Doch an der Vorgabe, das Land in zwölf und nur zwölf Präsidien neu einzuteilen, sei das Ministerium wohl nicht vorbeigekommen. "Hätte man an einer Stelle etwas verändert, hätte das einen regelrechten Dominoeffekt gehabt", vermutete Lutz gestern.

Mit dem nun vorliegenden Resultat ist er dennoch hoch zufrieden. Schließlich habe man sich für Reutlingen als Präsidiumsstandort stark gemacht. "Ich bin froh, dass das nun in meiner Heimatstadt der Fall ist", sagte er. Weiterer Grund zur Freude ist für den Reutlinger, dass er nun "an verantwortlicher Stelle das Projekt weiter umsetzen darf".

Der Leiter der Reutlinger Polizeidirektion wurde, wie ansonsten nur noch sein Ludwigsburger Kollege Frank Rebholz, zum Teilprojektverantwortlichen für das neue Präsidium ernannt. Für Lutz bedeutet dies, nun "mit allen Mitarbeitern das neue Präsidium aufzubauen und zu gestalten".

Wichtig ist dabei nun, die "Balance zwischen zentralen und dezentralen Aufgaben zu finden", weiß der angehende Polizeipräsident. Und auch die "notwendigen Personalmaßen müssen so sozialverträglich wie möglich umgesetzt werden".

Das neue Polizeipräsidium Reutlingen, Esslingen, Tübingen wird insgesamt über 2007 Beschäftigte verfügen. Es liegt damit an fünfter Stelle. Mitarbeiterstärkstes Präsidium wird Karlsruhe sein mit 2727 Beamten und Angestellten, das kleinste Präsidium ist Offenburg mit 1422 Bediensteten.

In der Hälfte der neuen Präsidien sind der Sitz der Kriminalpolizeidirektion und des Präsidiums nicht identisch. Im Reutlinger Bezirk wird die nachgeordnete Kriminalpolizeidirektion in Esslingen angesiedelt. Kriminalkommissariate wird es in Reutlingen und Tübingen geben. Hier ist noch die Landespolizeidirektion beheimatet, die nun aufgelöst wird.

Offen ist nicht nur im Reutlinger Bezirk, wo die Verkehrspolizeidirektion untergebracht wird. In Absprache mit Innenministerium, Finanzministerium und der Liegenschaftsverwaltung Vermögen und Bau soll hier nun ein passender Standort gesucht werden.

Und auch am Standort Reutlingen wird sich voraussichtlich etwas tun, sagt Lutz: "In der heutigen Bausubstanz lässt sich sicher kein Präsidium unterbringen", glaubt er. Auch hier zwischen Kaiser- und Bismarckstraße werde über kurz oder lang wohl gebaut werden müssen.

Die Resonanz auf die Entscheidung pro Reutlingen fällt bei den politischen Amts- und Mandatsträgern durch die Bank positiv aus - im Kreis Reutlingen. Tübingens Landrat Joachim Walter reagierte hingegen "absolutem Unverständnis": "Mit dieser Entscheidung ist der bisher bedeutende Polizeistandort Tübingen mit Landespolizeidirektion und Polizeidirektion von der Landesregierung in die Bedeutungslosigkeit katapultiert worden."

Walters Reutlinger Kollegen Reumann lobt, dass "dadurch sichergestellt wird, dass die hervorragende und modellhafte Zusammenarbeit von Kommunen und Polizei insbesondere bei der Prävention fortgesetzt wird". "Die Entscheidung für ein Polizeipräsidium in der einzigen Großstadt zwischen Stuttgart und Bodensee ist eine gute Grundlage für die gemeinsamen Ziele - etwa den Erhalt der Schlagkraft vor Ort und der bewährten Verzahnung in wichtigen Aufgabenbereichen", äußert OB Barbara Bosch in der gemeinsamen Presseerklärung.

Bosch und Reumann erhoffen sich, dass die von der Landesregierung angekündigten Verstärkungspotenziale durch Bündelungen und Spezialisierungen zeitnah realisiert werden und in den Polizeirevieren und Polizeiposten ankommen. Beide fordern zudem: "Die örtliche Sicherheitsstruktur und Sicherheitskultur darf sich in keinem der drei Landkreise verschlechtern."

Die beiden Verwaltungsspitzen sind zuversichtlich, dass das hervorragende Netzwerk zwischen den Verantwortlichen in den Städten, Gemeinden und im Landkreis in der Kooperation mit Franz Lutz weiterentwickelt wird: "Gemeinsam mit der bisherigen Polizeidirektion ist es gelungen, Reutlingen zur sichersten Großstadt Baden-Württembergs zu machen und das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung sowohl in der Stadt als auch im Landkreis nachhaltig zu stärken. Wir wünschen der bewährten Mannschaft des neuen Polizeipräsidiums, dass sie diesen Erfolg auch auf den erweiterten Zuständigkeitsbereich ausdehnen kann."

Persönlich freut sich Reumann über die weitere gute Zusammenarbeit mit Lutz, die schon bislang ausgezeichnete Früchte wie einen deutschen Integrationspreis für das "Forum muslimischer Frauen im Kreis Reutlingen" abwarf.