Der Luftreinhalteplan wirkt“, konstatierte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch gestern beim gemeinsamen Pressegespräch mit dem Regierungspräsidenten  Klaus Tappeser im GWG-Neubau. Die beiden zogen eine positive Bilanz der Maßnahmen, die vor gut sechs Wochen umgesetzt worden waren.

Mit dem Scheibengipfeltunnel sei es gelungen, die Belastung durch Stickoxide an der Messstelle in der Lederstraße um elf auf jetzt 54 Mikrogramm/Kubikmeter Luft zu senken. Der Tunnel allein werde aber nicht reichen. An den Maßnahmen, die für Ärger in der Stadt sorgen, führe kein Weg vorbei. „Wir müssen pförtnern, um den Durchgangsverkehr in den Tunnel zu bringen“, bekräftigte Bosch gestern noch einmal.

Das scheint gelungen, wenn man den vorgestellten Zahlen folgt. So hat die Stadtverwaltung nach der Einführung der Pförtnerampel am Lerchenbuckel durchschnittlich 16 500 Fahrzeuge in der Gustav-Schwab-Straße gezählt. Das seien fast 2000 Autos weniger als bei einer Zählung vor zwei Jahren, sagte Arno Valin, Leiter des Amtes für Tiefbau, Grünflächen und Umwelt. Und auch in der Tübinger Straße wurden durchschnittlich 200 Fahrzeuge weniger als vor zwei Jahren gezählt. Diese Zahlen widersprechen allerdings der subjektiven Wahrnehmung vieler Anwohner. Diese hatten kritisiert, dass viele Autofahrer eine Ausweichstrecke über den Hohbuch oder die Tübinger Vorstadt nehmen würden.

Um 2800 – von 37 200 auf durchschnittlich 34 400 Autos täglich – ist die Verkehrsmenge an der Messstelle Lederstraße seit der Einführung der Pförtnerampeln zurückgegangen. Vor Öffnung des Scheibengipfeltunnels Ende Oktober quälten sich noch 55 000 Fahrzeuge pro Tag durch die Innenstadt. Was wiederum Klaus Tappesers Aussage, dass der Scheibengipfeltunnel das zentrale Element des Luftreinhalteplans sei, bestätigt.

Auch den Vorwurf, dass durch die Pförtnerampel am Lerchenbuckel zwar die Stickstoffoxid-Belastung an der Messstelle in der Lederstraße gesunken, dafür an anderen Orten im Stadtgebiet gestiegen sei, sieht die Stadtverwaltung durch jüngste Messungen auf der Pomologie widerlegt. So sank dort laut Valin der durchschnittliche NOx-Wert von 33 auf 26,5 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Gemessen wurde 18 Tage vor und 18 Tage nach Einführung der Pförtnerampel am 8. März.

Bosch zeigte sich zuversichtlich, dass mit einer weiteren Verkehrsverflüssigung auf der B 28 (Ost-West-Trasse) die Zahl der Fahrzeuge, die Richtung Innenstadt unterwegs sind, weiter sinken werde. In den kommenden Wochen und Monaten will die Stadt dies mit verbesserten Ampelschaltungen und einzelnen Baumaßnahmen erreichen.

Die Rathaus-Chefin gab sich optimistisch, dass die Stadt den Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm/Kubikmeter Luft im Jahresmittel Ende 2019 im Großen und Ganzen einhalten werde. Damit wäre auch das Thema Fahrverbote für Diesel der Schadstoffklassen Euro 3 bis Euro 5 vom Tisch, von dem allein in Reutlingen 17 000 Fahrzeuge betroffen wären.

„Durch den Scheibengipfeltunnel fließen derzeit an Werktagen bereits 22 000 Fahrzeuge, darunter zehn Prozent Schwerlastverkehr. Damit ist ein Teil der Rechnung bereits aufgegangen“, sagte der Regierungspräsident. Und er verwies darauf, dass sich zwei wichtige Anschlussstücke, die Umfahrung von Orschel-Hagen (Dietwegtrasse) und der Albaufstieg bei Lichtenstein, im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrsplanes befänden.

Ein Ziel der vierten Fortschreibung des Luftreinhalteplans war ja bekanntlich gewesen, den Schwerlastverkehr aus der Innenstadt zu verbannen. Seit dem Durchfahrtsverbot am 8. März habe die Polizei drei Schwerpunktkontrollen unternommen, berichtete der Reutlinger Ordnungsamtsleiter Albert Keppler. Dabei wurden 29 Lastwagen beanstandet – eine „Erfolgsquote von über 50 Prozent“. Die Fahrer erwartet eine Geldbuße von 75 Euro plus Gebühren und Auslagen. Das Ordnungsamt hatte in den vergangenen Wochen elf verdeckte Geschwindigkeitsmessungen unternommen: Von 27 800 kontrollierten Fahrzeugen waren rund 1400 zu schnell für Keppler ein klares Indiz, dass die neue Geschwindigkeitsregelung „schon in der DNA der Reutlinger angekommen ist“. Zudem ist vorgesehen, die Beschilderung, die auf die Ortsumfahrung verweist, zu vervollständigen.

Deutsche Umwelthilfe klagt erneut


Vor wenigen Tagen hat die Deutsche Umwelthilfe eine Klage gegen die vierte Fortschreibung des Luftreinhalteplanes beim Verwaltungsgericht Sigmaringen eingereicht, weil ihr die Umsetzung nicht schnell genug geht. Die Klage basiere allerdings, sagte Oberbürgermeisterin  Barbara Bosch, auf den im Jahr 2016 ermittelten Schadstoffwerten. Von Seiten der Stadt und des Regierungspräsidiums wird der Klage wenig Chancen auf Erfolg eingeräumt. rab