Handwerk „Wir haben praktisch Vollbeschäftigung“

Sie stehen für die Handwerkskammer (von links): Präsident Harald Herrmann, Sonja Madeja (Leiterin Stabsstelle für Kommunikation und Grundsatzfragen), Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert und Madejas Kollege Udo Steinort.
Sie stehen für die Handwerkskammer (von links): Präsident Harald Herrmann, Sonja Madeja (Leiterin Stabsstelle für Kommunikation und Grundsatzfragen), Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert und Madejas Kollege Udo Steinort. © Foto: Jürgen Herdin
Reutlingen / Jürgen Herdin 20.07.2018

„Es gibt nur Gutes zu berichten, wir haben praktisch Vollbeschäftigung und volle Auftragsbücher“: Handwerkskammer-Präsident Harald Herrmann  machte zur Sommervollversammlung am Mittwoch aber auch deutlich, dass es in vielen Branchen an Bewerbern für Ausbildungsstellen fehle. Drei Viertel der von der HWK befragten Unternehmen seien „überaus zufrieden“ mit der Entwicklung in Sachen Geschäftslage. Das sind sieben Prozent mehr als im Sommer 2017. Gleichwohl herrsche „bei den Großen“ ein heftiger Preiskampf – was jedoch beispielsweise Bauherren durchaus Freude bereitet. Nur fielen die Umsätze der Firmen so eben auch geringer als erwartet aus.

Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert freut sich seit jeher, wenn junge Leute mit Abitur nicht nur ein akademisches Studium anstreben, sondern auch das Handwerk als Zukunftsperspektive sehen. „Hier kämpfen wir um die jungen Menschen“, bekräftigte Eisert.

Mit jährlich immer um die 2000 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen liegt die Reutlinger Kammer exakt im Landesdurchschnitt. Jedoch gebe es derzeit noch 600 unbesetzte Stellen. Eisert ist besonders erfreut, dass 14,2 Prozent der neuen Azubis ein Abitur vorweisen können. „Ein guter und wichtiger Weg“ im Vergleich mit anderen Kammerbezirken sei es auch, dass mehr als jeder 20. neue Ausbildungsvertrag (5,4 Prozent) mit Flüchtlingen abgeschlossen werden konnte.

Positiv werten die Handwerkskammern in Deutschland, dass die Bundesregierung in ihren Koalitionsvertrag die „Rückvermeisterung“ aufgenommen hat. Das Wortungetüm bedeutet nichts anderes, als dass nach der großen europäischen Liberalisierungswelle 2004 nun doch wieder in vielen Branchen der Meisterbrief Pflicht für die Ausübung  des Gewerbes sein soll. Dabei geht es vor allem um „gefahrengeneigte Berufe“, also dort, wo mit Chemikalien hantiert wird oder wo die Beschäftigten anderen Risiken ausgesetzt sind.

Finanziell weitgehend risikolos sind die Bauvorhaben der Handwerkskammer. Zwar hätten das Wetter und die Suche nach Altlasten für Verzögerungen gesorgt. Doch spätestens Ende des kommenden Jahres soll die Bildungsakademie Tübingen fertiggestellt sein. „Das Internat dort könnte sogar schon im  Sommer 2019 eröffnet werden“, so Eiserts Hoffnung. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 13,7 Millionen Euro. Buchstäblich heiß geht es im Hauptquartier der Handwerkskammer in der Reutlinger Hindenburgstraße zu. Die Hitze im Sommer sei den Beschäftigten nicht mehr länger zuzumuten. Und so sollen insgesamt 2,7 Millionen Euro investiert werden, um neue Fenster einzubauen oder um die Klimatisierung der Räume auf der Südwestseite zu verbessern. „Das schaffen wir übrigens, ohne an der Beitragsschraube zu drehen“, sagte Eisert.

Denn die Wirtschaftslage der Kammer ist gut, dies bei rund 13 600 Mitgliedsbetrieben in den Landkreisen Freudenstadt, Reutlingen, Sigmaringen, Tübingen und Zollernalb. Viele Gesellen dort möchten auch den Meister machen. Und das ist immer noch eine teure Angelegenheit. Und so hat das Handwerk im Lande erst unlängst im Wirtschaftsministerium vorgesprochen. Eine Meisterprämie von 1500 Euro pro Kopf sollte schon drin sein, meint auch Kammerpräsident Harald Herrmann. Insgesamt wären das für Baden-Württemberg rund 24,7 Millionen Euro. Wenn es die Landesregierung ernst meine mit der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung, „muss diese Prämie schnellstmöglich kommen. Nur so kann der Meister mit dem kostenfreien Hochschulstudium konkurrieren“, forderte der HWK-Präsident.

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