Pfullingen „Wir brauchen Einwanderung!“

Ergreifender Moment: Die neuen deutschen Staatsangehörigen im Landkreis Reutlingen sangen zum Abschluss der Einbürgerungsfeier in den Pfullinger Hallen mit Landrat Thomas Reumann die Nationalhymne.
Ergreifender Moment: Die neuen deutschen Staatsangehörigen im Landkreis Reutlingen sangen zum Abschluss der Einbürgerungsfeier in den Pfullinger Hallen mit Landrat Thomas Reumann die Nationalhymne. © Foto: Norbert Leister
Pfullingen / Von Norbert Leister 12.10.2017

Herzlich willkommen, hier sind Sie zuhause“, rief Landrat Thomas Reumann am Dienstagabend in den Pfullinger Hallen den Neubürgerinnen und Neubürgern des Landkreises des vergangenen Jahres zu. Insgesamt 488 hatten 2016 beschlossen, die deutsche Staatsbürgerschaft im Kreis anzunehmen, sie kamen aus 25 Ländern. Also aus ganz Europa, Weißrussland, Venezuela, Vietnam, China, der Elfenbeinküste, Mexiko, Gambia und anderen mehr. „Und die größte Gruppe kam nicht wie all die Jahre zuvor aus der Türkei, sondern aus Griechenland“, so Reumann.

Besonders aufgefallen sei aber eine 26-köpfige Gruppe, die in den zurückliegenden Jahren, wenn überhaupt, nur durch ganz vereinzelte „Überläufer“ in den Statistiken auftauchte: Zwischen dem Juli 2016 und dem gleichen Monat im Folgejahr aber beantragten mehr als 25 Briten im Landkreis die deutsche Staatsbürgerschaft. Eine von ihnen ist Nicola Vollkommer, die nicht nur am Klavier eine bewundernswerte Interpretation von „Freude schöner Götterfunken“ spielte, sondern auch betonte: „Ich bin ein Brexit-Flüchtling.“

Die meisten Eingebürgerten waren zwischen 20 und 40 Jahren alt, wie der Landrat verriet und 44 Kinder fanden sich auch darunter. Auf dem Podium interviewte Reumann zusammen mit der Landratsamt-Auszubildenden Nadine Jaudas vier Menschen, die im vergangenen Jahr den Antrag gestellt hatte.

Eine von ihnen ist Dr. Paulami Danner, eine gebürtige Inderin, die seit 16 Jahren in Deutschland ist und in Tübingen promovierte. Wie sie denn mit dem schwäbischen Essen klarkomme, wollte Jaudas beispielsweise wissen. „Linsen gibt es ja in Indien auch“, verriet Danner.  Konstantinidos Traintafillidis liebt die hiesige Landschaft, er wurde als Sohn griechischer Gastarbeiter ebenso in Deutschland geboren wie die spanisch-stämmige Isabel Molero. „Und wie war das, als Sie nun zum ersten Mal hier wählen durften?“, fragte Reumann die Neubürger. „Super“, kam die prompte Antwort.

Stephen Roberts stammt aus Südwales, „der Brexit bedeutet für mich Spaltung und für die Briten insgesamt ein blödes Unabhängigkeitsgefühl – ich will hier bleiben“, sagte er fast schon unter Tränen. Aber mit Augenzwinkern. Bevor André Brunet das Publikum mit seinen Zaubertricks faszinierte und sie zunächst mal mit akrobatischen Fingerübungen forderte, überreichte der Landrat den vier Interview-Partnern anschließend stellvertretend für alle 488 Neu-Eingebürgerten im Landkreis die offizielle Urkunde.

„Sie alle sind ein ganz wichtiger Teil unserer Gesellschaft, wir freuen uns über Ihre Einbürgerung“, betonte Reumann. Denn: Vielfalt biete eine große Chance für die hiesige Gesellschaft. „Bringen Sie sich ein, leisten Sie einen Beitrag zu einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft“, forderte der Landrat von den neuen Mitbürgern. Und dazu gehöre auch, „Nein zu sagen zu Rassismus und Antisemitismus, zu Gewalt – in Amerika erleben wir gerade, wie Worte spalten können, auch bei uns ist Zivilcourage gefragt“.

Eindeutig sei, dass Deutschland Einwanderung brauche, „dabei müssen wir die Zuwanderung aktiv steuern und gestalten, die Zeit ist überreif für ein Einwanderungsgesetz“, betonte Thomas Reumann. Mittlerweile hätten rund 20 Prozent im Landkreis „ihre familiären Wurzeln im Ausland, mit steigender Tendenz“, sagte der Landrat. Schlussendlich bat er „die neuen deutschen Staatsangehörigen“ auf die Bühne. Rappelvoll wurde es dort, alle zusammen sprachen das Gelöbnis und sangen dann auch miteinander die deutsche Nationalhymne. Die hatte im Übrigen auch schon gleich zu Beginn ein Gitarrenquartett der Musikschule Pfullingen intoniert – und damit war die Veranstaltung ja auch gleich mittendrin im Thema.