Beim Blick in den Ratssaal kam Barbara Bosch ganz ins Schwärmen: „Was für ein schöner Anblick, nur Frauen hier“, sagte die OB gut gelaunt. Anlässlich des Weltfrauentages und organisiert vom Görls-Verein hatten sich rund 70 Reutlingerinnen aller Altersgruppen hier versammelt.

Einige von ihnen hatten zuvor keine Berührungspunkte mit Politik gehabt. Ihnen erklärten Bosch und die versammelten Gemeinde- und Kreisrätinnen von SPD, Linken, WiR und Grünen zunächst, was im Großen Saal des Rathauses überhaupt passiert. Andere hatten durchaus schon erste Politik-Luft geschnuppert: Es waren auch ehemalige sowie frisch gewählte Jugendgemeinderätinnen gekommen.

Der Jugendgemeinderat sei in Reutlingen sowieso ein „leuchtendes Vorbild“, so Bosch: Denn hier liege der Frauenanteil bei 54 Prozent. Etwas düsterer sehe es dagegen im erwachsenen Gemeinderat aus: Da sind es nur noch 37,5 Prozent Frauen. Und richtig düster werde es dann beim Bürgermeisteramt: Da liege der Frauenanteil in Baden-Württemberg nur noch bei ungefähr acht Prozent.

Ein junges Mädchen wollte bei der anschließenden Fragerunde von der noch amtierenden Oberbürgermeisterin wissen: „Haben Sie in Ihrem Amt schon Sexismus erlebt?“ Da musste Bosch nicken: „Ja, das war in einem Wahlkampf, aber nicht hier in Reutlingen.“ Was war dort passiert? „Da wurde ich mit ganz üblen Kommentaren konfrontiert.“

Und ist etwas Vergleichbares schon mal in Reutlingen vorgekommen? „Nicht unbedingt, aber es gibt trotzdem Sexismus, das läuft mittlerweile ganz arg unterschwellig ab“, antwortete Bosch.

Beispiel: Bei Frauen werde schnell die Kleidung oder das Aussehen kommentiert, auch in den Medien. Was sie persönlich „völlig daneben“ finde, denn bei welchem Mann komme so etwas schließlich in einem solchen Ausmaß vor?

Auch die Reutlinger Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke (Grüne) erzählte von Ungleichbehandlung. „Was mich wirklich belastet hat: Bei meinen ersten Wahlkämpfen haben mich viele – vor allem Männer – gefragt, wie ich das denn mit der Familie vereinen kann.“ Müller-Gemmekes Kinder waren zu diesem Zeitpunkt noch klein. Was die Abgeordnete so stört: Bei einem Mann werde die Politik als normale Arbeit angesehen, bei einer Frau werde sie dagegen sofort mit Karrieregeilheit verbunden.

Was Müller-Gemmeke auch erzählte: Besonders die AfD befeuere den Sexismus im Bundestag zusätzlich. Beispielsweise habe es bei einer Diskussion über den niedrigen Frauenanteil unter den Abgeordneten aus der AfD-Ecke den Zwischenruf gegeben: „Das ist die natürliche Auslese.“ Toll sei aber auch, dass sich alle anderen Fraktionen geschlossen gegen diesen Sexismus stellen.

OB Bosch gab den jungen Mädchen schließlich einen Tipp mit auf den Weg: „Wenn man euch bei Bewerbungsgesprächen mal fragt, ob ihr Kinder wollt, dann fragt zurück: Würden Sie das einen Mann auch fragen?“ Dann gab es ganz besonderes Essen: unter anderem Käsekuchen im Grundgesetzglas, feministische Falafel und Bulgursalat für mündige Bürgerinnen.

Nach einem Abschlusstanz in der Mitte des Ratssaals gingen besonders die erwachsenen Frauen noch auf den Marktplatz: Dort gab es eine Kundgebung, bei der neben der Linken-Bundestagsabgeordneten Jessica Tatti auch Vertreterinnen von Gewerkschaften sprachen. Auf den Boden wurde der Aufruf „Frauen wählen“ aufgepinselt, im Rathausfoyer konnte man sich zudem als Suffragette ablichten lassen. Ja, im und ums Rathaus herum spielten gestern die Frauen die erste Geige.

37,5


Prozent beträgt der Frauenanteil im Reutlinger Gemeinderat. Der Jugendgemeinderat hat mehr weibliche Mitglieder: Hier liegt der Frauenanteil bei 54 Prozent, so OB Bosch.