Reutlingen "Vielfalt ist auch bei uns das Beste"

NORBERT LEISTER 28.08.2013
Eine Kickbox-Gruppe mit zwei Weltmeistern ist wohl das Vorzeigeprojekt schlechthin, das aus der Migrationsarbeit der Bruderhaus-Diakonie heraus entstand. Bilkay Öney zeigte sich beeindruckt.

Integrationsarbeit in Reutlingen ist vielfältig, darin waren sich gestern alle einig bei der Bruderhaus-Diakonie. Zwar ist nach den Worten von Lothar Bauer der Sprachkurs "das wesentliche Moment für eine gelungene Integration", wie der Vorstandsvorsitzende in Anwesenheit von Integrationsministerin Bilkay Öney und SPD-Bundestagskandidatin Rebecca Hummel betonte. Aber: Danach müsse es weitergehen. Zum Beispiel mit dem "Fachdienst Jugend, Bildung, Migration" der Bruderhaus-Diakonie. Dieser Dienst hilft nach den Worten von Mitarbeiterin Lusine Minasyan auf vielen Ebenen. Zum Beispiel, wenn die Eltern in die Integrationsbemühungen mit einbezogen werden. "Das ist ganz wichtig", bestätigte Bilkay Öney. Aber auch Kooperationen mit Schulen, Vereinen und Einrichtungen stehen ganz oben auf dem Plan des Fachdienstes.

Neben der Unterstützung bei der Ausbildung, bei der Suche danach, bietet der Fachdienst aber auch Hilfen für den Freizeitbereich der Zwölf- bis 27-Jährigen: Dafür stehen etwa erlebnis- und theaterpädagogische Angebote ebenso wie Tanz und Sport. Das wohl erfolgreichste Projekt: Eine Kickbox-Gruppe mit 50 Teilnehmern, darunter fünf muslimische Mädchen und zwei Weltmeister, wie Tatjana Naumann erläuterte. Fazit: "Die Jugendlichen werden Schritt für Schritt begleitet und beraten für die weitere Lebensplanung", so Lusine Minasyan.

Bilkay Öney betonte zwar, dass die grün-rote Landesregierung die Fördermittel für Integration auf drei Millionen Euro nahezu verdoppelt habe - Christiane Schindler von der "Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer" der Caritas bemängelte jedoch die zeitlich begrenzte Projektfinanzierung. "Projekte an sich sind zwar was Gutes, dass aber irgendwann jeweils die Förderung ausläuft, das müsste überdacht werden", forderte sie. Die Integrationsministerin stimmte zu: "Wir wollen das ändern, um die Nachhaltigkeit zu verbessern." Was beim Fachdienst der BruderhausDiakonie schon ganz gut sei: Das Mitarbeiter-Team sei multikulturell, wie Lusine Minasyan betonte. Natürlich sei es von Vorteil, wenn die Fachdienst-Beschäftigten die Sprache der Migranten verstehen. "Vielfalt ist auch bei uns das Beste."

Zur Sprache kam bei dem Besuch auch das Thema Diskriminierung: Migranten fühlen sich bei Bewerbungen für eine Ausbildungsstelle, für einen Job oft benachteiligt. "Das stimmt - wenn jemand Ali Mahmoudi heißt, kassiert er mehr Absagen", so die Ministerin. "Besonders bei kleinen und mittelständischen Unternehmen muss das Eis gebrochen werden." Pfarrer Lothar Bauer hob die Bemühungen in Reutlingen hervor, wo sich ja ein Runder Tisch Anti-Diskriminierung gebildet habe. "Es gibt hier eine positive Grundhaltung, um Diskriminierung zu begegnen." Rebecca Hummel widersprach: "Wir sind nicht so diskriminierungsfrei wie wir das gerne hätten." Bauer daraufhin: "Immerhin ist dieser Runde Tisch ein sorgfältig zu pflegendes Pflänzchen." Und Öney? "Mag sein, dass in Reutlingen weniger diskriminiert wird als in Berlin - aber hier gibt es auch Arbeit und in der Hauptstadt nicht." Kurz vor dem nächsten Wahlkampf-Termin überreichte Bilkay Öney jungen Migranten, die ihren Deutschkurs glänzend bestanden haben, ihre Zeugnisse. "Die Erfolgsquote ist hoch, mehr als 90 Prozent schaffen den Test mit guten Noten", betonte Valentina Fink.