Reutlingen "Sensationelle Erwerbung"

Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele und seine Mitarbeiterin Eva Bissinger mit der Vorzeichnung von Matthäus Merian (unten) sowie den dazugehörigen Radierungen, die die Stadt Reutlingen im 17. Jahrhundert zeigen. Foto: Peter Andel
Kulturamtsleiter Dr. Werner Ströbele und seine Mitarbeiterin Eva Bissinger mit der Vorzeichnung von Matthäus Merian (unten) sowie den dazugehörigen Radierungen, die die Stadt Reutlingen im 17. Jahrhundert zeigen. Foto: Peter Andel
PETER ANDEL 30.08.2013
Das Heimatmuseum hat eine direkte Vorzeichnung für die bekannte Reutlingen-Radierung von Matthäus Merian in ihre Sammlung aufgenommen. Kulturamtschef Dr. Werner Ströbele stellte sie gestern vor.

"Reütlingen" heißt der 1643 entstandene Kupferstich des Basler Meisters Matthäus Merian aus der 1656 erschienenen "Topographia Sueviae", einem Teil seines Hauptwerks, der "Topographia Germaniae". Dazu gibt es, was nicht bekannt war, eine direkte Vorzeichnung, die in einem Partykeller von Alain Cassonet aus Fontainebleau bei Paris schlummerte. Der Franzose entdeckte das Blatt, das aus einem Skizzenbuch mit Falz stammt, las den Namen "Reütlingen", ging ins Internet und meldete sich bei Ströbele, weil Cassonet die Zeichnung zu Geld machen wollte.

Bevor es zu der laut dem Kulturamtschef "sensationellen Neuerwerbung" kam, wurde erst einmal geprüft. Denn auf dem Blatt stand der Name des Kupferstechers Jean Sylvestre - sozusagen der französische Matthäus Merian, der viel für den französischen König Ludwig XIV. gearbeitet hat.

Darüber kann nun spekuliert werden. Ströbele: "Vielleicht, damit es sich in Frankreich besser verkauft." Doch der Kunsthistoriker und Merian-Experte Prof. Lucas Wüthrich attestierte der Zeichnung eindeutig die Handschrift Matthäus Merians. Es handelte sich tatsächlich um die echte Vorzeichnung der bekannten Reutlingen-Radierung von 1643 - übrigens eine Rarität, da von anderen Merian-Vorzeichnungen nichts bekannt ist. Diese wurden, so Ströbele, vermutlich weggeworfen oder vernichtet. Insofern sei es schon erstaunlich, dass gerade dieses Reutlingen-Blatt, mit Bleistift gezeichnet und mit Tusche nachgezeichnet, erhalten blieb. Markant an dem Blatt ist der typische Baum am rechten Rand, was Wüthrich dazu veranlasste, es "definitiv" Matthäus Merian zuzuordnen.

Der "Deal" mit Alain Cassonet kam somit zustande, das Heimatmuseum erwarb die Merian-Zeichnung für tausend Euro, laut Ströbele ein "guter Preis". Das inzwischen restaurierte Blatt bildet nun mit den bereits in der Sammlung vorhandenen Merian-Radierungen eine "schöne und interessante Einheit". Das Blatt zeigt die Stadt um das Jahr 1630 herum, als Reutlingen etwa 6000 Einwohner hatte und eine befestigte Siedlung war - mit Stadtmauer und Eingangstoren: Stuttgarter Tor und Albtor existieren nicht mehr, dafür Tübinger Tor und Gartentor. Zu sehen ist auch eine Papiermühle an der Stelle, auf der heute die Stadthalle steht, sowie die Achalm im Hintergrund.

Info Die Vorzeichung von Matthäus Merian ist für alle Interessierten ab Dienstag, 3. September, zusammen mit den Radierungen vier Wochen lang zu den üblichen Öffnungszeiten in einer Vitrine im ersten Stock des Heimatmuseums zu sehen.

Biografisches über den berühmten Kupferstecher