Reutlingen / Jürgen Herdin  Uhr

Die Zahlen waren schnell verlesen: Den Handwerkern im Bezirk geht es besser denn je, die Auftragsbücher sind voll, die Betriebe zu zwei Dritteln mehr als zufrieden. Und es gab mit 2100 Ausbildungsverträgen eine Steigerung um zwei Prozent. Allerdings wurde die heutige Führung der Handwerkskammer Reutlingen von der Vergangenheit eingeholt.

Als „überaus kritisch berechnet“ bezeichnete Handwerkskammer-Präsident Harald Herrmann Beitragsbescheide für rund 360 Betriebe in der Zeit zwischen 1990 und 2001. Die rund 13 600 Mitglieds-Unternehmen im Kammerbezirk müssen allesamt Pflichtbeiträge für ihre Mitgliedschaft bezahlen. „Zwangsmitgliedschaft“  nennen das Kritiker dieser gesetzlichen Regelung. Berechnet werden diese jährlichen Zahlungen zum Beispiel anhand der Betriebsgröße.

Doch es gab Unternehmen, die von der Handwerkskammer in besagtem Zeitraum recht ordentliche Rabatte bekamen. Und das alles wurde ganz offensichtlich „individuell“ mit der damaligen Spitze der HW und den zuständigen Mitarbeitern besprochen – und verhandelt.

 Das wurde ruchbar – „und jetzt gibt es natürlich Rabatz“, fasste Herrmann diese Praxis zusammen. Zumal diese reduzierten Beiträge, in einem Fall waren es statt rund 1000 Euro nur 170 Euro, dann bis zum Jahr 2099 festgeschrieben wurden. „Ein Unding“, findet auch Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Eisert. Beide waren damals noch nicht im Amt, müssen nun aber ausputzen.

„Ihr müsst die Firmen alle gleich behandeln“, habe ihnen das zuständige Wirtschaftsministerium des Landes ins Stammbuch geschrieben. Zumal viele der großzügigen „Rabatte“ in Form einer „Beitragsprivilegierung“ offensichtlich recht intransparent zustande gekommen waren. Was die betroffenen Handwerksbetriebe freilich nicht störte.

Zwar kann es Beitragsvergünstigungen für Mitgliedsbetriebe sehr wohl geben, nur quasi frei verhandelbar nach Lust und Laune sind die nicht.  „Nach Gesprächen mit dem Ministerium mussten wir das Geld rückwirkend wieder hereinholen“, so Herrmann.

„Nachtragsveranschlagung“ nennt sich dieser Vorgang, der natürlich für böses Blut sorgte. Rund 200 Fälle sind noch anhängig. „Wir werden jetzt in engem Schulterschluss dafür sorgen, dass bald alles finanziell wieder in Ordnung gebracht wird“, versprach Joachim Eisert gestern in einem Pressegespräch.

„Auch mir ist da eine umfassende Transparenz wichtig“, beteuerte HWK-Präsident Harald Herrmann. „Wir werden checken, welche Privilegien korrekt waren – und welche nicht.“

Und damit gingen beide in die Hauptversammlung am Nachmittag, auf der sich ein Firmenchef  bitterböse und schriftlich im Plenum beklagte. Er will keinen Cent nachzahlen.

Ein Blick auf die Zahlen

Sechs der sieben Handwerksgruppen im Kammerbezirk Reutlingen äußersten sich positiver als im Vorjahr. Von den Firmen im Bauhauptgewerbe sprechen sogar 80 Prozent von „guten Perspektiven“. Dem Kammerbezirk gehören 13 600 Unternehmen an. Vermittelt wurden 2100 Azubi-Verträge, 340 wurden in der Lehrstellenbörse speziell für Flüchtlinge ausgeschrieben. Weiterhin jedoch herrsche Fachkräftemangel und in vielen Bereichen fehlen geeignete Lehrstellen-Bewerber. 1776 freie Lehrstellen sind derzeit noch zu haben, allein für dieses Jahr, Ausbildungsbeginn ist im September, sind es noch 820. jhe