Mehr und mehr spitzt sich der Konflikt zwischen Verwaltungschef und Stadträten, der seit Monaten in Pfullingen schwelt, zu. In der vergangenen Woche hat Bürgermeister Michael Schrenk eine Stellungnahme zur Lage in der Stadt abgegeben, die für viel Aufregung sorgte (wir berichteten). Die Ursprünge für die aktuellen Probleme sieht er unter anderem in der Zeit vor seinem Amtsantritt. Er spricht von Versäumnissen und Missständen aus der Ära seines Amtsvorgängers. Der meldet sich jetzt zu Wort. Für Alt-Bürgermeister Rudolf Heß ist die Zeit gekommen, die Dinge aus seiner Sicht darzustellen.

Als Sie im Januar 2015 aus dem Amt ausgeschieden sind, haben Sie angekündigt, sich aus der aktuellen Kommunalpolitik herauszuhalten. Das haben Sie auch getan – bis jetzt. Woher der Sinneswandel?

Rudolf Heß: Tatsächlich hat Herr Schrenk von Anfang an regelmäßig auf die finanzielle Situation in Pfullingen hingewiesen und sie moniert. Es waren öffentliche Bemerkungen, die immer wieder in dieselbe Richtung  zielten. Darauf bin ich nicht eingegangen, weil man die Gelassenheit haben muss, so etwas hinzunehmen. In der vergangenen Woche aber hat sich das zugespitzt. Mein Nachfolger hat von Versäumnissen der Vergangenheit gesprochen. Da war es an der Zeit für mich, zu reagieren. Die Pfullinger haben mich immer wieder darauf angesprochen, dass es diese Anwürfe gibt. Ich muss jetzt reagieren, damit kein falscher Eindruck von mir entsteht und bleibt.


Sehen Sie Ihren Ruf durch die Äußerungen Ihres Nachfolgers beschädigt?

Ich gehe davon aus, dass die Bürger wissen, was von mir in den 32 Jahren meiner Amtszeit geleistet wurde. Sie können  sich selbst ein Urteil bilden.

Aber geärgert haben Sie sich schon?

Natürlich habe ich mich über die Stellungnahme meines Nachfolgers geärgert. Ja, ich bin befremdet. Und ich finde, dass kollegiales Miteinander anders aussieht. Ich habe in seiner Amtszeit übrigens auch schon öfter das Gespräch ohne die Öffentlichkeit mit ihm gesucht. Aber auf meine Angebote ist er bisher nicht eingegangen.


In seiner Stellungnahme hat Herr Schrenk die „hohen Kosten“ angesprochen, die bei Ihrer Verabschiedung Anfang 2015 angefallen sind. Hat Sie das sehr getroffen?

Dass er das zweieinhalb Jahre später noch zur Sprache bringt, das ist wirklich nicht in Ordnung und hat mich aufgeregt. Das Programm damals wurde mit mir abgestimmt, der Rahmen und die Kosten wurden vom Gemeinderat und meinen Stellvertretern festgelegt. Über diese Wertschätzung habe ich mich sehr gefreut.

Ihr Nachfolger spricht in seinem Statement auch immer wieder die hohen Schulden der Stadt und gleichzeitig die hohen Rücklagen und Haushaltsausgabenreste an, die er bei seinem Amtsantritt vorgefunden hat. Ist diese Kritik gerechtfertigt?

Laut Haushaltsplan 2017 hat die Stadt 17,8 Millionen Euro Schulden. Die Rücklagen und Haushaltsausgabenreste belaufen sich auf etwa 15 Millionen Euro, die zu Investitionen, aber auch zur Schuldentilgung herangezogen werden können. Und angesichts der guten wirtschaftlichen Lage dürfte der Nachtragshaushalt für 2017 noch eine spürbare Verbesserung bringen. Deshalb kann ich die Kritik meines Nachfolgers nicht verstehen.

Er hat auch angeprangert, dass im Bereich der Wirtschaftsförderung einem Gebäudeeigentümer ein Darlehen gewährt wurde, das nun zu Problemen führe.  Wegen unzureichender schriftlicher Regelungen bleibe die Stadt auf einem Großteil der Summe sitzen.

Damals ging es um die Postfiliale. Die Post wollte ins Gewerbegebiet ziehen, wir aber wollten sie an einem zentralen Ort haben, um die Innenstadt zu beleben. Die Umbaukosten sind damals höher ausgefallen als gedacht. Inwieweit die Stadt sich die Mehrkosten wieder zurückholen kann, kann ich nicht beurteilen.

Auch die Sportstätten GmbH bringt Herr Schrenk ins Spiel. Offene Fragen in Bezug auf den laufenden Betrieb seien noch zu klären, erklärt er. Was sagen Sie dazu?

Durch die Einrichtung einer GmbH haben wir damals rund eine Million Euro an Steuern gespart. Die Einrichtung war eine sehr gute Entscheidung. Was jetzt zu tun ist, das ist die Aufgabe der aktuellen Verwaltung. Ich kann doch nicht so lange im Amt bleiben, bis alles erledigt ist, was ich in Angriff genommen habe.

Es schien damals, als würden Sie alles daran setzen, dass  die Sporthalle gebaut wird. Ist dieser Eindruck richtig?

Ja, das gebe ich zu. Wenn Sie der Mantel der Geschichte streift, dann müssen Sie zugreifen. Oder anders gesagt: Sie müssen das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Das mit der Sporthalle, das war kurz vor meinem Ausscheiden. Und den Bau, den wollte ich unumkehrbar machen. Die Sporthalle ist übrigens nur ein Baustein der Infrastruktur, die ich in meiner Amtszeit zusammen mit dem Gemeinderat und meinen Mitarbeitern zum Wohle der Menschen in unserer Stadt verbessert und kontinuierlich aufgebaut habe.

Sie haben dafür aber auch eine Pro-Kopf-Verschuldung in Kauf genommen, die deutlich über dem Landesdurchschnitt liegt.

Tatsächlich sind wir immer an die Obergrenze dessen gegangen, was das Landratsamt als Kreditlimit genehmigt hat. Aber dazu kann ich sehr gut stehen.  Und die GPA hat in ihrem jüngsten Prüfbericht bestätigt, dass die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadt im Prüfzeitraum geordnet waren. Für unsere Stadterneuerung haben wir ja Bundes- und Landespreise bekommen. Wir haben die Sporthalle gebaut, das Freibad und die Schulen saniert, das Dienstleistungs- und Einkaufszentrum auf den Weg gebracht und vieles mehr getan.


Trotzdem spricht ihr Nachfolger von den Versäumnissen vergangener Jahre?

Die derzeitige Unzufriedenheit und die angespannte Situation zwischen Bürgermeister einerseits und dem Gemeinderat und den Vereinen andererseits ist nicht auf die Arbeit in der Vergangenheit zurückzuführen, sondern fußt auf aktuellen Entwicklungen, derzeit teilweise ungeschicktem und wenig professionellem Verhalten.

Immer wieder wurde in jüngster Zeit auch die „schlechte Stimmung“ auf dem Rathaus und unter den städtischen Mitarbeitern seit Michael Schrenks Amtsantritt in den Fokus gerückt. Wie war denn die Stimmung, als Sie noch Bürgermeister waren?

Das kann ich selbst mit heute natürlich nicht vergleichen. Aber ich hatte eine bürgernahe, sehr engagierte, kompetente und leistungsbereite Verwaltung.  Die Leute haben ja auch, als es erforderlich war, die Bereitschaft gezeigt, Überstunden zu leisten, die dann später finanziell oder in Freizeit ausgeglichen werden sollten. Auch das wird mir ja heute von Herrn Schrenk angelastet. Aber ich kann nur sagen: Die Mitarbeiter und ich waren in einem guten Miteinander unterwegs.

Ein gutes Miteinander, das würde man sich auch für Michael Schrenk und die Pfullinger, seien es die Stadträte, das Rathausteam, die Vereine oder die Bürger insgesamt, wünschen. Glauben Sie, dass es wieder soweit kommen könnte nach all den Konflikten?

Wie erfolgversprechend die angedachte Mediation ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ein gewählter Gemeinderat und ein gewählter Bürgermeister müssen die menschliche  Größe haben, miteinander neu anzufangen und miteinander weiterzuarbeiten. Ich kenne den Gemeinderat, mit dem ich ja jahrelang zusammen gearbeitet habe. Er ist in der Lage, diese Chance zu nutzen, schließlich gibt es viele Themen, die angepackt werden müssen. Dazu gehören beispielsweise die Große Kreisstadt, das Mittelzentrum und die Regionalstadtbahn. Deshalb müssen alle Beteiligten zusammen an der Zukunft unserer Stadt arbeiten. Die Kommune muss wieder in ein ruhiges Fahrwasser kommen – das im Interesse aller.

 Als Sie vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren in den Ruhestand gegangen sind, hätten Sie da gedacht, dass es soweit kommt, wie es jetzt gekommen ist?

Als ich mich damals verabschiedet habe, bin ich von einem normal weiter arbeitenden Rathaus ausgegangen. Ich dachte, dass es läuft.

Und wie geht es Ihnen jetzt insgesamt im Ruhestand?

Ich bin mit meinen 69 Jahren noch äußerst aktiv. Ich bin im Kreistag, im Regionalverband, im Sparkassenverband und in der Landessynode, dort auch im Finanzausschuss.  Und meine Enkel fordern Ihren Großvater natürlich ebenfalls.

Fehlt Ihnen das Amt nicht manchmal?

Ich ertappe mich, wie ich die Gemeinderatsdrucksachen und die Nachberichte lese. Ich bin noch immer mit dem Herzen bei der Sache, will mich aber selbstverständlich nicht mehr einmischen und freue mich, wenn’s läuft. Ich war natürlich immer gern Bürgermeister und habe vor allem das Tun der Ehrenamtlichen bei uns immer hoch geschätzt. Als Bürgermeister ist man nicht nur Verwalter und Gestalter, sondern man muss auch nah bei den Menschen sein und ihnen zuhören. Es ist wichtig, zu wissen, was die Leute bewegt und was sie denken. Andern zu helfen, das war mir immer wichtig.