Reutlingen "Ich bin nicht alt, höchstens älter"

Darauf, dass sie noch eine Weile so bleibt, stoßen die Jubilarin Sophie Martha Graeber und Bürgermeister Peter Rist an. Foto: Anne Leipold
Darauf, dass sie noch eine Weile so bleibt, stoßen die Jubilarin Sophie Martha Graeber und Bürgermeister Peter Rist an. Foto: Anne Leipold
ANNE LEIPOLD 07.03.2012
Voller Charme, Witz und Lebensfreude steckt Sophie Martha Graeber. Das "Stadtmädchen" feierte im Gertrude-Luckner-Seniorenzentrum ihren 100. Geburtstag. Alt aber fühlt sie sich nicht, höchstens älter.

Aufrecht sitzt sie im Rollstuhl, trägt ein adrettes Kleid, um den Hals hängt eine Perlenkette, goldene Ringe zieren die linke Hand, große weiße Ohrringe stecken in den Ohrläppchen, die Haare sind perfekt frisiert, die Fingernägel strahlen in kräftigem Rot. Dass Sophie Martha Graeber hundert Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an. Ein Lächeln spielt um ihre Lippen: "Ich bin heute keine kranke Frau." Am liebsten würde sie tanzen - ihre Leidenschaft. Noch bis ins hohe Alter ging sie zwei Mal die Woche zum Seniorentanzen in die Listhalle. Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes 1990 dort sogar ein paar Verehrer, wie Tochter Eva Sophie Herkommer schmunzelnd verrät. Doch ihre Beine wollen nicht mehr. "Ich müsste bloß andere Füße haben", sagt sie bedauernd. "Dann wäre sie auf der Gass", fügt die Tochter hinzu.

Am Samstag hat Graeber im Kreis ihrer Lieben den runden Geburtstag gefeiert. Ein Fest mit dem die Dame zufrieden ist, zumal mehr Gäste kamen als gedacht und die Pflegerinnen des Seniorenzentrums sie gut umsorgt hätten. Seit vier Jahren lebt sie nun hier. Sie strotzt vor Energie und erzählt nur allzu gern, was sie in ihrem langen Leben erlebt hat und wie viel Glück sie doch mit ihrem Ehemann hatte. Die Strapazen der letzten Woche merkt man ihr nicht an. Da stand es nicht gut um sie. "Der Petrus wollte mich nicht haben." Sie selbst sagt von sich, sie sei ein verwöhntes Stadtmädchen. Im Kreis Stargard in Pommern kam sie auf die Welt. Von ihren Eltern fühlte sie sich geliebt und genoss viele Freiheiten. "Ich habe meine Jugend sehr schön gelebt und viel Glück gehabt", sagt sie. Ihre Mutter sei bildschön gewesen, sagt sie und bedauert, kein einziges Foto mehr von ihren Eltern zu haben. Ihre beiden Brüder starben im Krieg. Ihren Mann Franz Emil Graeber heiratete sie 1942 in Danzig, mit ihm hat sie zwei Töchter, Eva Sophie und Hanne Brigitte. Als sie vor den Russen fliehen mussten, packte sie Bett und Kinder, schlich sich Baum für Baum durch den Wald. Ihr Charme, Selbstbewusstsein und Temperament brachte sie und ihre Mädchen durch. Ein deutscher Offizier gab ihr zu essen, selbst von einem russischen Offizier erhielt sie Hilfe. Pfannkuchen bot er ihr an, als Gegenleistung wollte er jedoch ihre ältere Tochter. Immerhin habe sie zwei und er und seine Frau kein Kind. Da habe sie ihre Töchter nachts schnell gepackt und sei über die Wiesen geflüchtet, erzählt sie.

Nach Kriegsende fanden sie sich in St. Peter-Ording wieder. Von dort aus kamen sie nach Degerschlacht. Doch das Dörfliche war nicht ihres. Ihren ganzen Charme setzte sie beim damaligen Oberbürgermeister Oskar Kalbfell ein, um das Häuschen in der Römerschanze zu bekommen, erinnert sie sich.

Eine Kostprobe dieses verzückenden Charmes erhält auch Finanzbürgermeister Peter Rist, der, mit Blumen und Wein gratulierte. "Ich bin nicht alt, das will ich nicht hören, ich bin höchstens älter", stellt sie gleich klar. Tatsächlich fühle sie sich eher wie 80, vielleicht sogar 70 Jahre. Beide teilen die Leidenschaft für die Musik, so kommt die Jubilarin auch in den Genuss eines Ständchens: "Viel Glück und viel Segen." Sachte legt sie ihre Hand auf Rists Unterarm und bedankt sich. "Ein paar Jährchen bleibe ich noch wie ich bin", versichert sie ihm strahlend, während sie mit einem Glas Sekt darauf anstoßen.