Dialekt „I schwätz schwäbisch, Du au?“

Reutlingen / Ralf Ott 24.10.2016
„Dialekt in der Mitte der Gesellschaft“: Gedanken zum Thema Schwäbisch als Alltagssprache und seine Bedeutung für die Persönlichkeit machte sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei einem Vortrag in Reutlingen.

I schwätz schwäbisch, Du au?“: Mit einem „Jo“ geantwortet hätte vermutlich die Mehrheit jener Besucher in der Reutlinger Kreissparkasse, die  Ende vergangener Woche zum Vortrag von Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit dem Titel „Dialekt in der Mitte der Gesellschaft“ gekommen waren. Dort nämlich lässt sich Schwäbisch mit Sicherheit gegenwärtig verorten. „Alles Gut?“ also – um es neusprachlich zu formulieren. Nein, denn Sprache entwickelt sich, und die UNESCO, also die Bildungsorganisation der Vereinten Nationen, reiht den schwäbischen Dialekt unter die vom Aussterben bedrohten Sprachen ein. 6500 gibt es auf dem Globus, ein Drittel davon wird nach Einschätzung der UNESCO in den kommenden Jahrzehnten verschwinden. „Natürlich haben die Veränderungen sprachlicher Gegebenheiten eine andere Qualität als das Aussterben von Arten“, sagte Kretschmann, „doch die Prognose bietet Grund genug, sich verstärkt um das Schwäbische zu kümmern“. Genau dies wiederum ist seit vielen Jahren das Ziel des „Fördervereins Schwäbischer Dialekt“ mit seinem Vorsitzenden, dem Rottenburger Oberbürgermeister Stephan Neher, und dem Ehrenvorsitzenden und Gründer Hubert Wicker, lange Jahre Tübinger Regierungspräsident und seit diesem Juni Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium. 1200 Mitglieder unterstützen die Ziele, und die Macher stellen alljährlich eine Vielzahl von Veranstaltungen auf die Beine, so auch den Vortrag mit dem Ministerpräsidenten.

Die dialektale Vielfalt ist laut Kretschmann „ein Wert für sich“, und ihr Erhalt wird folglich zum Selbstzweck. Er blickte auf ganz eigene Erfahrungen mit dem Schwäbischen zurück, denn seine Familie landete nach der Flucht aus Ostpreußen in Spaichingen. Hier am Südwestrand der Schwäbischen Alb erwies sich einerseits seine Großmutter als sprachlich „integrationsunwillig“ und andererseits war der Dialekt für den 1948 geborenen Kretschmann  mit dem Status eines „Flichtlings“ als „Kind eine wunderbare Möglichkeit der sozialen Integration“.

Dabei gibt es „Schwäbisch“ an sich gar nicht, sondern der Sprachraum zeigt sich als „kleingliedrige Dialektlandschaft“. Die habe er in Lauf seines Lebens durchwandert und sich so seine ganz eigene Ausprägung des Schwäbischen zugelegt. Obwohl dieses nach den Worten von Kretschmann weder eine Ableitung oder gar eine Schwundstufe des Hochdeutschen ist, legen viele Schwaben ihren Dialekt „wie einen zu klein gewordenen Bauernkittel ab“, wenn sie das Ländle verlassen, um, wieder daheim, erneut Dialekt zu reden. „Das ist wie die Rückkehr in die Kindheit“. Andererseits: Die sprachliche Herkunft lässt sich nie gänzlich leugnen, und so wird der Dialekt ein Stück weit zur mobilen Heimat. Seine Empfehlung: „Wir schwätzen so schwäbisch wie möglich und so hochdeutsch wie nötig. Dabei bekennen wir uns zur situativen Zweisprachigkeit“. Das sei obendrein „Training fürs Gehirn“ und vielleicht liege es ja daran, dass die Schwaben so viele Patente anmelden.  Kennzeichnend für den schwäbischen Dialekt ist die Diphtong-Vielfalt, also die häufige Verwendung von Doppelvokalen. So heißt es beispielsweise in der Schriftsprache „Freude“ und „Leute“ – im Schwäbischen dagegen gibt es die „Fraid“ und die „Leit“. Die Sprache klinge wie ein einziger „Naturlaut“ – es wird geschnauft, geschnurrt, geschnarrt und gegurrt mit Worten die in ihrem „barocken Reichtum“ eine „intensive Bildhaftigkeit und poetische Lautmalerei“ vermitteln.

Als gemeinsamer Nenner in der zergliederten schwäbischen Sprachlandschaft fungiert das „Honoratiorenschwäbisch“, auch Pidgin-Schwäbisch oder nach den Worten von Sebastian Blau das „Esperanto Baden-Württembergs“. Zugleich ist dies die „regionale Hochsprache“, die bei offiziellen Anlässen Verwendung findet. Demgegenüber charakterisierte Kretschmann die Standardsprache in der Politik als vergleichsweise blutleer und arm an Bildern. Mit den Worten „So ma hot, stoht im Kochbuch“ lasse sich das Gleiche ausdrücken wie mit „Die Rahmenbedingungen des gegenwärtigen Landeshaushalts und insbesondere der Sparzwang machen es unwahrscheinlich, dass ihr Antrag auf finanzielle Bezuschussung positiv beschieden wird“ – sagte Kretschmann. Die Experten- und Verwaltungssprache bezeichnete er als abstrakt, angereichert mit „Plastikwörtern“ wie „Entwicklung, Potenzial, Strategie oder Vernetzung“. Diese klingen wissenschaftlich, ohne Erfahrungen zu vermitteln. Wenn aber Worte nichts mehr sagen, dann schwinde das Interesse an Demokratie, betonte Kretschmann. Sprache nämlich ist die Grundlage für die Erkenntnis und Einordnung der Welt, eine Vorbedingung für die Politik, wichtiges Mittel für demokratische Veränderungen, erlaubt Deutungshoheit und bietet die Möglichkeit zur Empathie. So bereite ihm derzeit der „Zusammenhalt der Gesellschaft Sorgen“, die „Hassreden“ wertete Kretschmann als „Vorboten körperlicher Gewalt“.

Doch zurück zum schwäbischen Dialekt, den Kretschmann als „erhaltenswertes Kulturgut“ bezeichnete und der nicht als „Vehikel für Witze“ verkommen dürfe – Stichwort: „Kehrwoch…“.  Die Vielfalt spiegle sich auch in den Möglichkeiten, seine Gefühle auszudrücken, wider. Für Vokabeln wie „Siach“, „Seggl“ oder „Allmachtsdackel“ fehle es im Hochdeutschen schlicht an Worten. „Darin zeigt sich die Überlegenheit des Dialekts“, sagte Kretschmann. Oftmals handle es sich um Beleidigungen, die jedoch nicht herabsetzend seien, und der Schwabe könne mit den Worten „Wo kommsch jedzd auch du Arschloch her“ sein Gegenüber freundlich begrüßen.

Auf der anderen Seite gebe es eine lange Liste schwäbischer Dichter, die erst kürzlich von dem Sprachwissenschaftler Hermann Bausinger in seiner „Schwäbischen Literaturgeschichte“ versammelt wurden. Kretschmann nannte beispielhaft Sebastian Sailer, Friedrich Schiller, Ludwig Uhland oder Hermann Kurz.

Die Bewahrung des Schwäbischen stellt sich als wichtige Aufgabe dar, die als eigenständige politische Aufgabe derzeit noch ein Schattendasein fristet. Ansatzpunkte für eine Stärkung des Dialekts gibt es viele, sie reichen vom Kindergarten und der Schule, bis hin zur Verbreitung in den Medien. Politische Entscheidungsträger könnten als wichtige Instanzen hier ein Vorbild liefern.

Immerhin zeigt sich, dass die im Zuge der Globalisierung erfolgte Rückbesinnung auf die Heimat auch die Chance bietet, die Ursprünge des Schwäbischen wieder zu revitalisieren. Schließlich sei der Dialekt unter anderem auch eine „Narrationsgemeinschaft mit einem von den Mitgliedern geteilten Geschichtenvorrat“.

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