Die Geschichte von Neid und Bruderzwist ist so alt wie die Menschheit - und so aktuell wie der Rap. Das Musical "Joseph", bühnenreif vom Gemischten Chor des Friedrich-List-Gymnasiums und einer starken Klasse 6b auf die Bretter der Stadthalle gebracht, versprach an zwei Abenden: "Gitter" statt "Glitter" für den coolsten aller Propheten. "Joseph" alias Jonathan Fuss, der als selbstverliebter Träumer alle anderen aussticht: "Bin ich denn ausgewählt für Höheres als ihr?", provoziert er seine 14 biblischen Brüder. Dafür wird er von der Gang in den Staub getreten und meistbietend als Sklave verkauft.

Showdown in Kanaan: "Ein Engel schwebt am Himmel. Ein Platz bleibt leer an der Tafel: Für uns gab er sein Leben hin, sonst wären wir nicht mehr", jammern die Taugenichtse dem entsetzten Vater vor. Patriarch Jakob (Hans Peter Romer) wird bösartig getäuscht. Der Blues, der ihn umgibt, eine Country-Ballade vom Feinsten.

Die biblische Geschichte von "Josef dem Träumer" ist nicht nur in Bühnenbild und Staffage ein exotisches Farbenspiel. Star-Komponist Andrew Lloyd-Webber hat die einzelnen Titel süffisant zeitgenössischen Popsternchen gewidmet. Die Persiflage auf Elvis Presley: Ein überragender Tobias Richter wird für seine gekonnte Performance samt Hüftschwung mit Standing Ovation überschüttet. "Blues Brothers" Benjamin Bauer und Paul Wund als Bodyguards am ägyptischen Hof, waren irgendwie surreal. Möglicherweise stand "Walk like an Egyptian" von den "Bangles" Pate bei der pharaonischen Choreographie von Jessica Bleicher. Weitere Highlights: Ein rauchiger Calypso in Belafonte-Manier, feinster Cha-Cha-Cha und die Anlehnung an Brechts Dreigroschen-Oper in einer atemraubenden Bar-Performance mit dem abgerissenen Chor der Brüder.

Trotz Intrige und Kerker schafft es der Seher "Joseph" bis zum Wirtschafts-Berater des Pharaos. Die Hungersnot im ehemals hippen Kanaan führt seine Sippe an den ägyptischen Hof. Familienzusammenführung. Happy End. Wie es sich für eine Geschichte des britischen Musical-Gurus Webber gehört. Phantastisch präsentiert von Erzählerin Aruna Gallas. Beide Hauptdarsteller, Gallas und Fuss, haben bereits das Abi in der Tasche und sich dennoch unglaublich für die Aufführung engagiert, erzählt Choreographin Jessica Bleicher, "sie sind sogar während der Prüfungen zu den Proben gekommen". Und haben selbstverständlich am dreitägigen Musicalworkshop nach Pfingsten auf der Sonnenmatte in Erpfingen teilgenommen. "Dort beginnt die Geschichte zu leben", schwärmt Bleicher, "die Schüler schlüpfen in ihre Rollen, setzen sich mit den Charakteren auseinander. Die machen eine wahnsinnige Entwicklung durch. Ein hartes Stück Arbeit, bei dem unglaublich viel zurückkommt."

Bei den Soli männerlastig, aber insgesamt mehr Mädchen in der Besetzung: Die Basis der Aufführung war der gemischte Schulchor, ergänzt um die Schüler der Klasse 6b, für die es der erste Auftritt vor großem Publikum war. "Dabei ziert sich keiner", anerkennt Chorleiter Thomas Preiß. Auf der Bühne waren insgesamt 60 Akteure unterwegs, Backstage ein genauso gut eingespieltes Team. Ein dickes Kompliment gab es von den Verantwortlichen vor allem für die Eltern des Friedrich-List-Gymnasiums, ohne deren selbstverständliche Unterstützung an der Schule vieles nicht möglich wäre.

"Joseph" war nicht ganz einfach zu haben. Die Rechte für die Aufführung waren an viele Auflagen genknüpft. Original-Songs und -Texte durften nicht verändert werden, erklärt Jessica Bleicher, deshalb gab es auch nicht wie sonst eine eigene Orchesterbegleitung.

Eine Musical-Aufführung des Friedrich-List-Gymnasiums gibt es nur alle zwei Jahre. Als nächstes ist am 20. Juli in der Stadthalle das Schulorchester mit dem Chor der Klassen Fünf bis Sieben zum "Sommerkonzert" eingebucht.