Pfullingen "Gedachtes veraltet nicht" Philosophische Runde vertieft Lebensfragen - Hannah Arendt neues Thema

Hermann Fischer, Felicitas Vogel und Jürgen Strohmaier (von links) diskutieren ab Ende April mit den zehn anderen Mitgliedern der philosophischen Runde in der Neske-Bibliothek über Hannah Arendt und die weibliche Philosophie. Foto: Anne Leipold
Hermann Fischer, Felicitas Vogel und Jürgen Strohmaier (von links) diskutieren ab Ende April mit den zehn anderen Mitgliedern der philosophischen Runde in der Neske-Bibliothek über Hannah Arendt und die weibliche Philosophie. Foto: Anne Leipold
Pfullingen / ANNE LEIPOLD 19.04.2014
Vertiefen statt fabulieren: Die philosophische Runde diskutiert in der Neske-Bibliothek regelmäßig Lebensfragen. Jetzt nimmt sie sich Hannah Arendt an. Die weibliche Philosophie steht zur Diskussion.

Es ist kein verstaubtes Kapitel einer Verlegergeschichte, die Neske-Bibliothek steht laut Felicitas Vogel für eine Aufbruchzeit. Die Schriften seien noch heute von wirklicher Aktualität, sagt die Kuratorin, die mit Hermann Fischer und Dr. Jürgen Strohmaier zu den Gründern der philosophischen Runde zählt. "Gedachtes veraltet nicht", sagt Vogel, umgeben von Günther Neskes verlegter Literatur: Es sind unter anderem die Gedanken Walter Schulz, Hans Mayers, Ludwig Binswangers und Martin Heideggers, die in den Wandregalen stehen, mitunter "viel diskutiert, auch weil man sie nicht immer gleich versteht", sagt Vogel.

Aus diesen Stücken ergeben sich nicht nur immer wieder neue Themen für die philosophische Runde, sie selbst entdecken dadurch immer mehr, was in der Ära des Verlags geschehen ist. Und so haben die Mitglieder das Gefühl, es habe sich inzwischen etwas installiert - literarisch, philosophisch, geistig. Nicht zuletzt weil die Runde vorbereitet an die Texte geht, gemeinsam beschließt was gelesen wird und "nicht allgemein über das Leben fabuliert", so Strohmaier. Sie hätten den Anspruch, in der Runde gewisse Fragen, auch Lebensfragen, zu vertiefen. So kann es passieren, dass sie sich einen Abend lang einem Begriff widmen, etwa Ernst Blochs Heimatbegriff oder Martin Heideggers Sorgebegriff.

Zuletzt haben sie sich das Prinzip Verantwortung von Hans Jonas vorgenommen und sich zugleich mit der Philosophie der Männlichkeit beschäftigt. Daraus ergab sich das neue Thema, das mit der Verfilmung ihres Lebens in der Luft lag: Hannah Arendt. Sie war eine "gescheite, eigenwillige Frau", charakterisiert Vogel die Jüdin, die eine enge Freundschaft mit Heidegger verband. Seine "schwarzen Hefte" sollen dieses Jahr erscheinen. Auch wenn damit seine Rolle im nationalsozialistischen Deutschland wieder zur Diskussion steht, soll es nicht um ihn gehen. Die Runde will an Hannah Arendt festmachen, inwieweit eine weibliche Philosophie existiert. "Vermutlich wird sich kein Unterschied herausstellen", überlegt Vogel. In philosophischen Schriften werde meist vom Menschen an sich gesprochen.

"Geschlechter sind ein sozial konstruiertes Prinzip", sagt Dr. Jürgen Strohmaier, "Spiritus Rector" der Runde und Sozialwissenschaftler. Und schon stecken sie in der Diskussion, sprechen vom männlichen, erobernden Prinzip und dem weiblichen, empfangenden Prinzip. Sie schreiben Arendt etwas Eroberndes zu, da sie mit ihrer Definition der "Banalität des Bösen" ein Territorium betreten hatte, das kein Mann besetzt hatte - obwohl diese die Philosophie dominieren. Kommunismus, Revolution, Faschismus: "Es ist selten, dass sich eine Frau dieses Terrain vornimmt und bearbeitet", sagt Hermann Fischer.

"Gibt es eine weibliche Philosophie?" wird am 9. Oktober Astrid Nettlings Thema für "Philosophie im Kloster" in Zusammenarbeit mit der VHS Pfullingen sein. Das aber ist noch nicht alles aus dem Programm der philosophischen Runde. Wenn im Mai die Neske-Bibliothek bis Oktober die Türen für Besucher sonn- und feiertags von 12 bis 17 Uhr öffnet, wird Felicitas Vogel im Sommer im Klostergarten Platz nehmen und sich in der Reihe "Literatur und Limo" den Lebenserinnerungen der Karola Bloch widmen. Zuvor wird am internationalen Museumstag am Sonntag, 18. Mai, in der Neske-Bibliothek aus Briefen aus dem Neske-Archiv unter dem Titel "Lieber Meister" vorgelesen. Außerdem wird das Kunstprogramm "Von Holzschneidern, Hungerkünstlern und versteckten Kunstwerken" des Neske-Verlags zum Motto "Farbe" am Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 14. September, erörtert.

Info Wer schon jetzt, vorzugsweise Frauen, Interesse an der Diskussion um Hannah Arendt hat, kann sich über Felicitas Vogel bei der Gruppe anmelden unter vogel.pfullingen@arcor.de oder Telefon: (07121) 75 44 43.

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