Eningen "Es ist meine Geschichte"

Eva-Maria Poster las in der Eninger Buchhandlung Litera aus "Mein Leben so tot". Foto: Karin Lober
Eva-Maria Poster las in der Eninger Buchhandlung Litera aus "Mein Leben so tot". Foto: Karin Lober
Eningen / KARIN LOBER 25.04.2012
Als sie das Buch fertig geschrieben hatte, konnte sie erstmals über all das, was ihr widerfahren ist, weinen und trauern, erzählte Eva-Maria Poster bei der Lesung aus ihrem Erstling "Mein Leben so tot".

Es ist mucksmäuschenstill, als Eva-Maria Poster die letzten Zeilen gelesen und das Buch zugeklappt hat. Die Geschichte, zumeist in knappen Sätzen verfasst, geht unter die Haut, löst tiefe Betroffenheit aus. Sie klingt authentisch und sie ist es auch: Das was Eva-Maria Poster aufgeschrieben hat, ist ihr tatsächlich widerfahren.

"Es ist meine Geschichte", sagt die Frau, die bis 1977 in Leipzig lebte. Lediglich eines habe sie verändert, und zwar den Namen der Protagonistin. Die heißt im Buch nicht Eva-Maria, sondern Lena.

Lena ist Richterin, die von der Stasi bespitzelt wird und Berufsverbot erhält, Nach einem missglückten Fluchtversuch wird sie verhaftet und landet in den Räumen des "Schrecklichkeitsgebäudes". Hier wird sie unter anderem stundenlang gleißendem Licht - die Autorin spricht von "Seelenverbrennungslampen" - ausgesetzt. Als sie die Torturen und die psychische Folter überstanden hat, spürt Lena eine "tiefe Scham für die Furchtbarkeiten, die andere ihr zufügten".

Die Grausamkeiten des Regimes sind aber längst nicht beendet. Als bekannt wird, dass die junge Frau von ihrem Schweizer Freund ein Kind erwartet, wird sie zur Abtreibung gezwungen und stirbt fast an den Folgen des üblen Eingriffs.

Das Buch endet an dieser Stelle. Das Leben von Eva-Maria Poster ging weiter. Sie wurde 1977 aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ausgewiesen, zog zunächst in der Schweiz und dann nach Eningen.

"Wenn ich das Buch nicht geschrieben hätte, würde ich heute nicht mehr leben", ist sich die 65-Jährige sicher. Das Schreiben sei eine Art Therapie für sie gewesen. Jahrelang ging es ihr gesundheitlich schlecht. Hilfe fand sie damals aber nicht wirklich: Die Diagnose der posttraumatischen Belastungsstörung sei zu dieser Zeit noch nicht bekannt gewesen. Als sie ihr Buch dann vollendet hatte, konnte sie zum ersten Mal weinen und trauern, erzählt Eva-Maria Poster in der Eninger Buchhandlung Litera.

Zunächst war sie sich nicht sicher, ob sie das Manuskript veröffentlichen wollte. Der Journalist Claus Kleber, den die von früher kannte, machte ihr aber Mut. Letzendlich habe sie das Buch aber veröffentlicht, um all den Menschen eine Stimme zu geben, die ebenfalls vom einstigen DDR-Regime drangsaliert worden sind. "Es gibt eine Million Opfer, von denen man nichts mehr hört." Im Gegensatz dazu werde beispielsweise eine Margot Honecker in den Medien zitiert. "Das ist unerträglich."

Das Unrecht hatte allerdings mit der Wende noch kein Ende. Als die ehemaligen Richter der DDR 1990 wieder in ihrem Beruf arbeiten durften, galt selbiges nicht für Eva-Maria Poster. Sie habe zum Zeitpunkt des Beitritts der DDR zur BRD im Westen gelebt, lautete die Begründung, die die Eningerin damals erhielt. Dabei konnte sie nichts für diesen Umstand, schließlich sei sie ja ausgewiesen worden.

"Wenn ich das Geld und die Energie hätte, würde ich eine Anwaltskanzlei aufmachen, um den Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen", sagt die Autorin heute. Sie wurde, das verriet der Blick in ihre Stasi-Akte, noch bis ins Jahr 1988 von der Staatssicherheit beobachtet.

Was sie erlebt habe, dürfe nie wieder passieren. "Dafür werde ich mich bis zu meinem letzten Tag einsetzen." Es sei wichtig wachsam zu sein, damit die Demokratie erhalten bleibt, die "es erlaubt, dass ich hier sitzen und aus diesem Buch lesen darf".

Das sie ein weiteres Mal im Litera lesen wird, ist übrigens gut möglich: Eva-Maria Poster plant momentan die Fortsetzung ihrer Geschichte.

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