Reutlingen "Es hackt" beim Festival Monospektakel

Jan Mixsa bei Monospektakel.
Jan Mixsa bei Monospektakel. © Foto: Kipp
KATHRIN KIPP 26.01.2015
Der Berliner Jan Mixsa mischte am Freitag den Spitalhofkeller auf und wetterte gegen "die da oben" - auch gegen die AfD, die im Spitalhofsaal tagte.

Kleines Polizeiaufgebot im Spitalhof, stählern blickender Saalschutz am Eingang zum Saal. Allerdings nicht wegen des Theaterkrawallmachers Jan Mixsa, der unten die Welt aus den Angeln hebt, sondern zum Schutz der AfD, die oben die Feinheiten ihres Extremkapitalismus' ausheckt.

Das ist eine perfekte Gelegenheit für Jan Mixsa, unten seinen "Agitprop" moderner Prägung zu praktizieren: "Oben braut sich was zusammen!", raunt er verschwörerisch, und: "Endlich ist die Polizei mal nicht wegen uns da." Und schon beginnt er über Lucke und dessen "Zahnpastagetue" zu lästern und über die "Hackfresse Henkel", dessen "Vater schon für die Nazis Zeug hergestellt hat": Mixsa nimmt kein Blatt vor den Mund. Er weiß auch, was gegen die bösen Finanzmächte zu tun ist: "Mach mit, nimm dir einen Kredit, gleich ein paar Millionen, Gott sei Dank, das Problem hat dann die Bank", singt er solange, bis das aufgestachelte Publikum begeistert mitgrölt.

Und so schreit und agitiert er sich durchs Programm, betreibt "angewandte Schizophrenie" und startet alsbald eine bizarre Auktion. Unter den Hammer kommen Oma-Topflappen, ein süßer Kuschelaffe, zwei "Müffchen mit anthroposophischem Farbverlauf", ein Tarnanzug "für Hunde von Neonazis, hängt hier wie eine tote Ratte", eine Krücke mit "Winkelement", ein schwarzrotgoldner Fuchsschwanz - "damit kommen Sie überall durch."

Außerdem die "gesamte Weltliteratur". Mixsa erzählt zu jedem Stück eine groteske Story, vorzugsweise darüber, wie er seine acht Frauen kennengelernt und mit ihnen seltsame Kinder gezeugt hat: eines davon arbeitet heute etwa als "Animator in einer Samenbank".

Und so betätigt er sich bei seiner sehr lustigen, pfeffrigen und hübsch psychotischen "Mischung aus Flohmarkt, Pegida-Demo und Irrenhaus" als Marktschreier, Spaßvogel, Polit-Kabarettist, Gaukler, Knalltüte, Religionskritiker, Alleinunterhalter, antikapitalistischer Kampfsänger und Märchenerzähler.

Man weiß nicht, ob er sich für seine Rollen überhaupt groß verstellen muss. Mixsa verbreitet auch bewusst Stimmungen - alles von "schön, ernst" bis "brachial". Total magic sein "Randgruppen-Weihnachten": Bierdose mit Räucherstäbchen. Verstärkt wird die heilige Stimmung durch esoterischen Klingklang. Hektik verbreitet er wiederum mit seiner Stressauktion, bei der er schreiend die Leute dazu verführt, Sachen zu kaufen, die sie nie und nimmer brauchen können: So geht Kapitalismus.

Als Kind des Ostens musste der arme Jan Mixsa, oder zumindest das, was von ihm auf der Bühne steht, "Asbestbrot" essen. Dafür habe er heute immerhin "keine Allergien", allenfalls eine "Konfessionsallergie". Oma und Opa haben ihm offenbar wertvolle Lebensweisheiten mitgegeben: "Schau genau hin, dann weißt du, wie sich alle alles zurechtlügen." Jetzt weiß er auch, "worum's im Leben eigentlich geht": Vielsagend bläst er Seifenblasen in die Luft.

Am Ende bewaffnet er sich mit zwei Guglhupf-Brüsten, Kopftopf und Schnapsfläschchen-Sprenggürtel. Er spielt "das Lied vom Glück": "Das Glück ist wie ein Bus, auf den man lange warten muss." Unterhaltung vom Schärfsten.