Reutlingen/Tübingen "Es geht um die Ehre", rief er und schlug zu

Reutlingen/Tübingen / SIMON WAGNER 10.03.2012
Mit der Vernehmung des Opfers wurde gestern am Landgericht der Prozess gegen ein türkischstämmiges Ehepaar aus Reutlingen fortgesetzt.

Des versuchten Mordes angeklagt, sollen beide einen Bekannten mit Benzin übergossen und angezündet haben.

Nachdem beide Angeklagte die Geschehnisse im Reutlinger Kulturverein und deren Vorgeschichte geschildert hatten, ergriff gestern das Opfer das Wort. Er tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf und schilderte den Hergang an jenem Maivormittag 2011 aus seinem Erleben. Demnach ließ er sich im Friseursalon im Vereinsgebäude gerade die Haare schneiden, als er unvermittelt einen Schlag im Nacken gespürt habe. Als er sich herumdrehte und aufgestanden war, habe sich der Angeklagte mit einem Benzinkanister in den Händen vor ihm aufgebaut. "Es geht um die Ehre", soll dieser gerufen haben, bevor er mit der Faust auf ihn eingeschlagen habe.

Die Auseinandersetzung verlagerte sich danach in den Flur. In deren Verlauf soll der Angeklagte zu ihm gesagt haben: "Ich bringe Dich um." Es kamen mehrere Personen hinzu, die die Kontrahenten trennen wollten. Er erinnere sich, dass er gepackt worden war und kurz mit dem Rücken zum Geschehen stand, als jemand gerufen habe: "Du brennst!" Der 39-Jährige blickte an sich herab und flüchtete auf den Hof, wo er sich seines Poloshirts entledigte. Trotzdem erlitt er schwere Verbrennungen am Rücken, am Arm und an den Händen. Wer allerdings das Benzin ausschüttete oder wer das Feuer entzündete, habe er nicht beobachtet. "Ich habe den Kanister nur einmal in seinen Händen gesehen und dann nicht mehr." Er ist sicher, auch die angeklagte Frau gesehen zu haben, allerdings habe sie nichts in der Hand gehabt.

So widersprüchlich die Angaben bislang waren - der Mann bezichtigte alleine seine Frau, er habe versucht, sie davon abzuhalten - so unterschiedlich auch die Versionen der Vorgeschichte. Die Angeklagte gab vor dem Prozess an, von dem langjährigen Freund der Familie vergewaltigt worden zu sein. Gegen den so Bezichtigten wird derzeit ermittelt. Wenn man ihm Glauben schenken will, zu Unrecht. Er schilderte detailliert, wie sich die beiden binnen eineinhalb Jahren einvernehmlich näher gekommen seien. Sie haben sich wiederholt heimlich an Stellen wie Parkhäusern getroffen und seien immer vertrauter geworden. Schließlich hätten sie auch sexuelle Kontakte gepflegt. "Sie hat mich immer gewähren lassen", sagte er. "Das Ganze war irgendwann normal." Offenbar entstammen dieser Vertrautheit auch Fotos, die er ihr zukommen lassen wollte. Bei einem Anruf bei ihr habe jedoch ihr Ehemann abgehoben. So habe der von der Beziehung erfahren.

Seitdem habe der Mann ihn mehrmals verbal wie körperlich bedroht: "Wenn ich Dich erwische, dann bringe ich dich um", soll er gesagt haben. Seit jenem Anruf habe die Frau den Kontakt abgebrochen, stattdessen verbreitet, dass er sie belästigt und vergewaltigt habe. Bei der Aussage schaltete sich die Angeklagte einmal laut ein: "Gott möge Dich dafür bestrafen." Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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