Reutlingen „Eine echte Erfolgsgeschichte“

Reutlingen / RALF OTT 28.07.2016
Ohne Gegenstimmen hat der Reutlinger Gemeinderat am Dienstagabend der Bedarfsplanung für die Kinderbetreuung in Reutlingen zugestimmt.

Ohne Gegenstimmen hat der Reutlinger Gemeinderat am Dienstagabend der Bedarfsplanung für die Reutlinger Kindergärten und Kindertageseinrichtungen zugestimmt. Seit dem letzten Plan vor vier Jahren „hat sich vieles geändert“, wie Sozialamtschef Joachim Haas dem Rat gegenüber erläuterte. Seither standen vor allem Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren im Fokus, die geschaffen werden mussten um die Vorgaben des Gesetzgebers zu erfüllen. Gab es vor gut zehn Jahren lediglich für 12 Prozent der Kinder unter drei Jahren einen Betreuungsplatz konnte diese Quote seither auf 39 Prozent gesteigert werden. Damit sind die gesetzlichen Vorgaben erfüllt. „Das ist eine echte Erfolgsgeschichte, wir haben mit großem Einsatz die Beschlüsse des Gemeinderates umgesetzt“, betonte Haas. Er bezeichnete den „Reutlinger Weg“ als Grundlage des Erfolgs. Dieser umfasst sechs Bausteine, nämlich die Vielfalt der Öffnungszeiten und der Betreuungsbausteine sowie vor allem den konsequent wohnortnah erfolgten Ausbau des Betreuungsangebots. „Davon haben die Stadtbezirke profitiert“, unterstrich Haas.Dennoch kann sich die Verwaltung jetzt nicht zurücklehnen, denn der Bedarf an Plätzen in der Kinderbetreuung wächst weiter. Grund: Auf der Grundlage der statistischen Prognosen wurde in Reutlingen ein Rückgang der Einwohnerzahlen von 109 000 im Jahr 2011 auf 107 000 Personen in diesem Jahr erwartet. Doch tatsächlich leben derzeit 115 000 Menschen in der Achalmstadt. „Die Zunahme hat mit der Ankunft von Flüchtlingen allerdings nichts zu tun“, so Haas. Obendrein geht die Stadt von einem weiteren Bevölkerungswachstum aus. Die Reutlinger Wohnbauoffensive und der zu erwartende Familiennachzug der Flüchtlinge verstärken den seitherigen Trend natürlich. Letztlich werden im Schnitt pro Jahr 33 neue Plätze für Kinder unter drei Jahren und 26 Plätze für über Dreijährige benötigt.  

In der letztgenannten Gruppe ist der Bedarfsdeckungsgrad zum Stichtag am 1. Juni unter 100 Prozent gerutscht, berichtete Haas, im Bereich der Ganztagesbetreuung liegt er bei 96 Prozent. Bis 2020 will die Stadt daher 450 neue Plätze einrichten, davon sollen 280 eine ganztägige Betreuung bieten und bei 170 Plätzen können die Eltern verlängerte Öffnungszeiten in Anspruch nehmen.

Neben den reinen Zahlen sieht sich die Stadt auch einer qualitativen Herausforderung gegenüber, wie Haas verdeutlichte. Er verwies auf den hohen Stellenwert einer wohnortnahen Kinderbetreuung, um den Eltern die Berufstätigkeit zu erleichtern – das liege auf der anderen Seite natürlich auch im Interessen der Unternehmen. Die Betreuungsangebote müssten sich der Vielzahl heutiger Lebensformen anpassen und die Menschen weitestmöglich im Alltag unterstützen. Zudem steige der pädagogische Anspruch der Eltern an den Alltag in der Betreuungseinrichtung: Bewegung, Ernährung, Gesundheitsvorsorge, der Umgang mit Medien, religiöse Fragen, fremde Kulturen und die Erziehungspartnerschaft seien wichtige Bereiche. Nicht zuletzt rückt die Betreuung von Kindern mit Einschränkungen weiter in den Fokus. „Wir können hier viel bewegen, um die Chancen der betreffenden Kinder auf eine spätere Bildungsgerechtigkeit zu verbessern“, betonte Haas der die Kinderbetreuung als entscheidenden Beitrag für die „familienfreundliche Stadt“ wertete.  

Kritisch äußerte sich die SPD-Stadträtin Silke Bayer zu den Zahlen im neuen Bedarfsplan. „Eigentlich müssten wir die Vorlage ablehnen“, sagte sie und verwies auf die Überbelegung. Alle Plätze für Kinder über drei Jahren sei voll, für die Ganztagesbetreuung gelte das schon lange. Ihr sei unverständlich, warum die Stadt das Angebot nicht auf 105 Prozent ausbaue und damit einen „ordentlichen Puffer“ anbiete. Dieser werde sicherlich genutzt.

Auf die Bedeutung der Kinderbetreuung für die Arbeitnehmer verwies CDU-Stadträtin Karin Villforth. „Mitarbeiter können nur gute Arbeit leisten, wenn sie wissen, dass die Kinder gut untergebracht sind“. Beim Blick auf die Kleinkinderbetreuung gelte es jedoch auch die Schulen nicht zu vergessen.

Die Aufnahme der freien Träger in die Bedarfsplanung fordert Sabine Gross für die Grünen und auch Hagen Kluck (FDP) forderte eine stärkere Unterstützung der freien Träger durch die Stadt.

„Wir brauchen neue Plätze und neue Erzieherinnen“, unterstrich Kurt Gugel für die FWV-Fraktion und WiR-Stadträtin Ute Beckmann sagte, „wir müssen quantitativ enorm aufstocken“. Für Jessica Tatti (Linke) ist klar, dass die Stadt den Rechtsanspruch erfüllen muss. „Notwendig ist eine kontinuierliche Bedarfsanalyse“. Der Bedarfsplan wurde ohne Gegenstimmen verabschiedet.