Ortsumgehung „Dieser Tunnel ist ein Segen“

Band.
Band. © Foto: Thomas Kiehl
Reutlingen / Evelyn Rupprecht 27.10.2017

Der „Hausherr“ war der Letzte auf der Rednerliste und doch hat er es als Erster geschafft, zu sagen, was der Scheibengipfeltunnel ist: Ein Segen für die Reutlinger und die Eninger. „Er ist ein Gewinn für unsere gesamten Region“, so Eningens Bürgermeister Alexander Schweizer. Auf „seiner“ Gemarkung fand die feierliche Verkehrsfreigabe der Ortsumgehung Reutlingen gestern Nachmittag statt. Denn: Das Südportal des Scheibengipfeltunnels liegt, genauso wie die ersten 200 Straßenmeter, auf Eninger Gemarkung. Und weil das segensreiche Bauwerk auch wirklich die ersehnte Entlastung für die 11000-Einwohner-Gemeinde bringen soll, wünscht sich der Schultes auch gleich noch ein LKW-Durchfahrtsverbot für seinen Ort.

Zu spüren bekommen werden die  Auswirkungen der neuen 3,1 Kilometer langen Ortsumgehung, von denen allein 1,9 Kilometer der Tunnel für sich beansprucht, aber auch die Bewohner der Kreisstadt. „Für Reutlingen ist die Eröffnung des Scheibengipfeltunnels ein glanzvoller Schlusspunkt unter ein halbes Jahrhundert des Hoffens und des Bangens, des Planens und Prüfens, der Fortschritte und Rückschläge, der Diskussionen und Proteste“, erklärte eine bestens gelaunte Reutlinger Oberbürgermeisterin Barbara Bosch vor mehreren hunderte Festgästen, die sich nicht nur am Portal, sondern auch oben an den Böschungen und den Brücken drängten. Freilich sieht auch Bosch, dass „der Tunnel allein nicht alle verkehrlichen Probleme lösen kann.“ Der Einsatz für eine Regionalstadtbahn, die Vorarbeiten für das völlig neue Stadtbusnetz sowie der Ausbau der Radwege einschließlich des Baus einer Mobilitätsstation am Hauptbahnhof seien nur einige der Bausteine, die die Stadt setzen wolle. Und wie viele der anderen Redner sprach auch Bosch den Albaufstieg an. „Auch für Lichtenstein sollte es absehbar Licht am Ende des Tunnels geben“, forderte Bosch in Richtung des Publikums, zu dem auch Landes- und Bundestagsabgeordnete gehörten. „Freuen wir uns über den Zugewinn an Lebbensqualität in und um Reutlingen und feiern diesen Tag mit großer Freude über das Erreichte“, so Bosch.

Davon, dass Reutlingen den größten Nutzen von dem Tunnel hat, ist auch Landesverkehrsminister Winfried Hermann, der das „bedeutende und komplexe Ingenieurbauwerk“ bewunderte, überzeugt. Er erwähnte aber auch die ökologischen Ausgleichsmaßnahmen, die am Listhof geschaffen wurden, um wenigstens ein Stück weit Wiedergutmachung an der Natur für „diese Straßenschneise“ zu leisten. Und: Hermann betonte auch, dass die Stickoxidwerte, die in Reutlingen deutlich über dem Grenzwert liegen, auch nach der Tunnelöffnung nicht unter das Soll gehen werden.

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Chronologie: Die wichtigsten Daten

Die Idee, für den Nord-Süd-Verkehr eine Umgehungsstraße zu planen, ist in den Jahren 1966/67 zum ersten Mal aufgetaucht. Das Ing.-Büro Hinterleitner wurde beauftragt, einen Scheibengipfeltunnel zu untersuchen. Am 23. Juni 1983 folgte der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan „Scheibengipfeltunnel“. Am 20. Februar 2009 wurde die Maßnahme in das Konjunkturpaket II der Bundesregierung aufgenommen und die Baufreigabe erteilt. Am 18. August 2009 war der erste Spatenstich.

Am 12. Oktober 2012 folgte der Tunnelanschlag der bergmännischen Bauweise im Norden, am 29. Januar 2013 der Beginn der regelmäßigen Sprengungen für den Ausbruch der Kalotte im Haupttunnel. Am 27. Januar 2014 war dann der Tunneldurchschlag im Süden und am 2. Oktober 2015 die Fertigstellung des Gewölbes im Haupttunnel. Im Oktober 2016 begannen die Ausstattungsarbeiten im Tunnel.