Ein Konzert mit 1000 Zuschauern, wummernde Bässe und der Geruch nach Bratwurst und schalem Bier? Oder doch lieber eine Theater-Aufführung mit 200 Gästen, zirpenden Grillen unter freiem Himmel und einer Weißwein-Schorle in der Hand? Der Gedanke an kulturellen Angeboten, die man in den vergangenen Monaten hätte besuchen können, gleicht einem Sinnieren über längst Vergangenes.

Kultur in Reutlingen: Ein bürokratischer Kraftakt

Doch was bei manch einem nur ein wehmütiges Seufzen verursacht, ist für andere die große Katastrophe: Ein Ringen um die Existenz und die Frage, wie man die kommenden Monate noch stemmen soll. So etwa bei Markus Bastian, Veranstaltungstechniker aus Pfullingen. 50 Jahre alt, mit zehn festen Mitarbeitern, alle in 25 Prozent Kurzarbeit. „Wir laufen momentan mit zwei blauen Augen herum. Es tut weh, aber wir sind noch nicht k.o.“, erklärt Bastian, leicht optimistisch. Sein Unternehmen habe im Vergleich zu vielen anderen, die in der Veranstaltungs- und Kultur-Branche tätig sind, noch einmal Glück gehabt. „In den vergangenen Monaten haben wir uns mit unserem Livestream-Studio und unserer Konferenz-Technik über Wasser halten können. Zudem statten wir das Kreisimpfzentrum in der Paul-Horn-Arena in Tübingen mit Equipment aus.“
Nichtsdestotrotz sind auch dem Unternehmen aus Pfullingen rund zwei Drittel aller Aufträge in den vergangenen Monaten weggebrochen. Eigentlich lebe man im Moment von Tag zu Tag. Vieles fände nur noch sehr kurzfristig statt, sodass sich kaum planen ließe. „Zu Beginn des Monats habe ich oftmals keine Ahnung, wie wir den überleben sollen“, gibt Markus Bastian offen zu. „Irgendwie klappt es dann schon.“ Etwa, wenn die Kreissparkasse wieder Hilfe bei einer digitalen Betriebsversammlung brauche.

Kulturschaffende und Dienstleister am Ende? – „Letztlich ist es ein einziges Steuerberaterkonjunkturprogramm“

Zwar bekäme er Unterstützung vom Staat, doch die Beantragung der Überbrückungshilfen sei ein bürokratischer Kraftakt. Denn um die Betrügereien wie im vergangenen Sommer zu vermeiden, sind nur noch Anträge über Steuerberater zulässig. „Letztlich ist es ein einziges Steuerberaterkonjunkturprogramm. Nicht falsch verstehen. ich mag meinen Steuerberater. Allerdings verlangen die nicht nur eine Bearbeitungsgebühr, sondern erhalten auch eine Beteiligung von Zehn Prozent an den ausgezahlten Hilfen.“
Bauchschmerzen bereite Bastian auch der Gedanke an die vielen Freiberufler: Lichtdesigner, Ton- und Veranstaltungstechniker. „Viele, die ich kenne und mit denen ich bereits zusammen gearbeitet habe. Das sind fähige Leute, die ich gerne eingesetzt habe und die jetzt arbeitslos sind und Hartz IV bekommen.“
Auch Rainer Kurze vom Naturtheater kennt diese Sorgen. Seit November vergangenen Jahres sind alle Veranstaltungen, Treffen und kleinere Inszenierungen abgesagt. Inklusive Proben, Termine für den Bau des Bühnenbilds und Kostümproben. „Dort wo es möglich ist, versuchen wir digitale Alternativen zu finden. Etwa bei der Textarbeit. Aber versuchen sie mal einen Chor per Zoom zu organisieren. Das funktioniert nicht.“

Vereine und Einrichtungen im Kampf ums Überleben

10 bis 15 000 Euro Fixkosten  muss das Naturtheater pro Monat stemmen. Dabei werden rund 80 Prozent aus Tickets und Waren finanziert – also der Einnahmequelle, die in der Pandemie weggebrochen ist. „Die Nerven liegen blank“, bemerkt Kurze nüchtern. „Ein Verein lebt von der Gemeinschaft, vom Zusammenkommen und Sich-treffen. Das ist gerade alles nicht möglich.“ Noch ist Kurze optimistisch gestimmt. Allerdings steht für ihn auch fest. Ein weiteres Jahr wie 2020 wird das Naturtheater und damit auch der Verein nicht überleben.
Was man gegen die derzeitige Situation der Kulturschaffenden tun kann, darin sind sich Bastian und Kurze einig: Mehr Solidarität mit den Einrichtungen, Dienstleistern und den daranhängenden Existenzen. Als Gesellschaft sitze man gemeinsam in einem Boot. Der Appell von Markus Bastian: „Lass euch impfen, damit wir bald wieder gemeinsam feiern gehen können.“

Bundesweit: Kommunen drohen mit Kürzungen


Kulturschaffenden droht nach der Pandemie möglicherweise die nächste Krise. Kulturstaatsministerin Monika Grütters warnte die Kommunen vor einer Haushaltssanierung auf Kosten der Kultur. „Die staatlich geförderten Institutionen sind mehrheitlich in kommunaler Trägerschaft, viele Theater und Museen sind städtische Einrichtungen.“

Die Kommunen seien an anderer Stelle mit mehreren Milliarden entlastet worden, zudem helfe der Bund, nicht-staatliche Einrichtungen zu finanzieren. „Das schafft Bewegungsspielraum für die Kommunen, so dass wir mit Fug und Recht erwarten können, dass sie beim Kassensturz am Jahresende nicht ausgerechnet die Kultur bluten lassen.“ dpa