Leerstand erheben und thematisieren, konsequentes Eingreifen in den Wohnungsmarkt, Enteignung zum Wohle aller, keine Profite im Wohnraum: Das sind vier von sieben Forderungen, die die „Crew“ an die Stadt Reutlingen stellt.

Zehnköpfige Gruppe

„Euer lokales Besetzerinnenkollektiv“ nennt sich die zehnköpfige Gruppe, die am Samstagmorgen gegen sechs Uhr in das Gebäude Kaiserstraße 39 eingedrungen ist. Zugang hat sich die Crew mit Schlüsseln verschafft. „Woher wir die haben, möchten wir nicht sagen,“ erklärt der 23-jährige Robin aus Reutlingen. Er ist einer der Sprecher der Gruppe, die am Samstag erstmals ihre Transparente aufgehängt und Kontakt zu den Nachbarn gesucht hat. „Die haben uns dann erzählt, dass das Gebäude seit fünf Jahren leer steht. Wir vermuten, dass es der GWG gehört“, meint Robin, der, wie seine Mitstreiter, anprangert, „dass laut Mieterbund 1700 Wohnungen im Kreis Reutlingen leerstehen und die Mietkosten in Relation zum Einkommen zu hoch sind.“

Furcht vor der Nazi-Szene

Die 30-jährige Eva, die zwar in Reutlingen arbeitet, aber nicht hier lebt, sieht in der Hausbesetzung „die maximale Form, um auf Leerstand aufmerksam zu machen und Druck aufzubauen“. Sie hat früher „was im Bereich Antifaschismus gemacht“ und begreift sich als Antikapitalistin. Eva und die anderen von der Crew, die ihre vollen Namen aus „Furcht vor der Nazi-Szene“ nicht nennen wollen, möchten Raum für Begegnung und Kultur schaffen. Das haben sie am Samstag, nachdem sie das Haus durchgeputzt, die Klingel repariert und Strom und Wasser wieder in Gang gesetzt hatten, auch gleich umgesetzt. Einem offenen Diskussionsplenum über Miethäusersyndikate folgte am Abend ein Konzert. „Gut 30 Leute sind hier den ganzen Tag über aus- und eingegangen“, erklären Robin und Eva, die sich für alternative Wohnformen stark machen möchten. „Deshalb gehen wir hier auch solidarisch und achtsam miteinander um“, sagen sie mit Blick auf die Vorgänge in dem Haus an der Kaiserstraße, das sie sich deshalb ausgesucht haben, „weil es in einer sehr populären, öffentlichkeitswirksameen Gegend steht“.

Guter Kontakt zur Polizei

Wie es nun mit der Hausbesetzung weiter geht, wird sich frühestens am Montag entscheiden. Der erste Kontakt mit der Polizei am Samstag sei sehr harmonisch verlaufen, sagen die Crew-Mitglieder. An einer Eskalation sind sie nicht interessiert, was ein Polizeisprecher bestätigen kann. Das erste Zusammentreffen sei problemlos verlaufen, sagt er Beamte. Auch er vermutet, dass sich frühestens am Montag etwas tut. Sollten die Hauseigentümer Anzeige erstatten, muss das Gebäude wohl geräumt werden und es wird wegen Hausfriedensbruchs ermittelt. Sollten die Eigentümer die Besetzung dulden, wird sie wohl ungestört weiter gehen. „Wir möchten hier so lange wie möglich bleiben und ziehen in Betracht, hierfür auch unsere Strom- und Wasserkosten zu begleichen“, sagen Robin und Eva, die am Montag allerdings ganz normal in die Arbeit gehen und dann in die Kaiserstraße 39 zurückkehren möchten und jeden, der Interesse an einem Gespräch hat, einladen, sie zu besuchen. „Auch wenn wir unsere Namen nicht öffentlich nennen wollen, stehen wir hier allen Rede und Antwort, die mit uns diskutieren möchten“. Vor allem über einen Besuch der Hauseigentümer würden sie sich freuen.

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