Eningen "Der Glaube ist der springende Punkt"

Lesung beim Gesundheitsforum über "Das Prinzip Placebo": Die stellvertretende Eninger Bürgermeisterin Dr. Barbara Dürr (rechts) begrüßt die Autorin Antje Maly-Samiralow.
Lesung beim Gesundheitsforum über "Das Prinzip Placebo": Die stellvertretende Eninger Bürgermeisterin Dr. Barbara Dürr (rechts) begrüßt die Autorin Antje Maly-Samiralow. © Foto: Privat
SWP 20.05.2015
"Das Prinzip Placebo - Wie positive Erwartungen gesund machen" lautete eine Lesung von "Gesunde Gemeinde Eningen" in Kooperation des Gesundheitsforums mit der Buchhandlung Litera aus Eningen.

Im H3, dem Büro- und Schulungszentrum in der Arbachtalstraße, begrüßte dieser Tage die stellvertretende Bürgermeisterin und Leiterin des Projekts "Gesunde Gemeinde", Dr. Barbara Dürr die Autorin Antje Maly-Samiralow und die interessierten Zuhörer. Im Vortrag berichtete die Autorin von ihren interessanten Recherchen und Erfahrungen als Medizinjournalistin.

Die Placeboforschung untersucht, warum ein Heilungseffekt beziehungsweise eine Symptomverbesserung zu verzeichnen ist, obwohl keine wirksame Medizin verabreicht wurde. Für Maly-Samiralow ist der Nocebo-Effekt in unserer heutigen Zeit noch wichtiger, weil sehr viele Ängste geschürt werden. Sie erklärte dies anhand der Grippewelle, die im Frühjahr grassierte. Die Haltung "keine Angst zu haben vor einer Grippe-Erkrankung" in Kombination mit einigen Hausmittelchen hätten ihr geholfen, nicht zu erkranken.

Nocebo-Effekte könnten auch durch die falsche oder unbedachte Wortwahl von Therapeuten oder durch die Medien hervorgerufen werden. "Beipackzettel sind da auch ein gutes Beispiel", erwähnte die Autorin, "die sollte man nicht unbedingt lesen. Wenn ich ein Medikament nehmen muss, dann habe ich keine Wahl. Was bringt es mir dann zu wissen, dass dies und jenes häufiger oder weniger häufig auftritt. Ich muß es ja nicht auf mich beziehen. Man weiß, dass Menschen, die das sehr ernst nehmen, sich den einen oder anderen Schuh anziehen und tatsächlich Nebenwirkungen entwickeln."

Wenn wir Tabletten nehmen müssen, dann spielt die Erwartungshaltung beziehungsweise die Einstellung, die der Patient hat, einen gewissen Anteil an der Wirkung der Tabletten. Wenn der Patient weiß, dass er ein wirksames Medikament nimmt, dann profitiert der Patient im Sinne von Linderung mehr, als wenn er nicht weiß, dass das Medikament wirksam ist, sagt Maly-Samiralow. Ganz wichtig für eine Heilung ist eine gute Beziehung zwischen Patient und Behandler. Wenn der Patient sich bei seinem behandelnden Therapeuten gut aufgehoben fühlt und ihm vertraut, hat er bessere Chancen auf Genesung. "Es ist ein Unterschied ob ein Arzt sagt: Es wird schon wieder."

"Wir Menschen brauchen die Zuwendung. Wir brauchen das Vertrauen einer Person, in die wir Vertrauen setzen. Die uns sagt: Mach' dir keine Sorgen. Es wird schon wieder. Und es ist dann egal, ob es eine Krebserkrankung, eine Grippe oder eine notwendige Operation ist", so Maly-Samiralow.

Patienten, die vor der Operation Entspannungsübungen und ein gutes aufklärendes Gespräch über die Operation hatten, hätten eine deutlich bessere Wundheilung und deutlich geringere Komplikationszahlen. Bei Patienten, bei denen im Vorfeld der Operation Stress und Ängste vorkommen, wirke sich das massiv auf die postoperative Erkrankung aus. "Dies ist alles dokumentiert, aber offenkundig schafft es das Wissen der Placebo-Forschung immer noch nicht in die praktische Umsetzung, so dass Patienten davon profitieren."

Die Bundesärztekammer hat 2012 auf Anraten des medizinischen Beirats die Empfehlung herausgegeben, dass die Placebo-Forschungen intensiver in den medizinischen Alltag eingebracht werden sollten. Es habe sich herausgestellt, dass die Haltung der Ärzte, den Patienten Hoffnung zu geben und ihnen Mut zuzureden vor Operationen, Eingriffen und auch bei Diagnosestellungen von schwerwiegenden Erkrankungen, einen signifikanten Einfluss auf den Krankheitsverlauf habe.

Antje Maly-Samiralow wies darauf hin, dass es darauf ankommt, die Patienten in die Situation zu versetzen, dass sie glauben oder erwarten "gesund zu werden. Das ist der springende Punkt. Dann werden sie auch gesund".