Pfullingen/Reutlingen "Den Kopf halten alle hin"

Ausnahme-Sportler Rolf Moser (links) wurde von Sportschützen-Kamerad Michael Eberhard Wendler geehrt.
Ausnahme-Sportler Rolf Moser (links) wurde von Sportschützen-Kamerad Michael Eberhard Wendler geehrt. © Foto: Angela Steidle
ANGELA STEIDLE 30.03.2015
"Sonst hat er für uns den Kopf hingehalten, jetzt halten ihn alle Jäger hin". Kreisjägermeister Wolfgang Auer erhielt bei der Hauptversammlung Rückendeckung. Sein Urteil zum Jagdgesetz: "Pure Dummheit".

Kreisjägermeister Wolfgang Auer betrat in der Hauptversammlung im "Südbahnhof" Neuland: Der erste Antrag zur Geschäftsordnung in neun Amtsjahren. Es ging um die im neuen Gesetz vorgesehene Verlängerung der Jagdzeit auf Rehböcke um 3,5 Monate. 144 von 145 Mitgliedern schickten dem Landesjagdverband einen Merkzettel "in Respekt vor der Kreatur". Auer: "Ein Zeichen aber ändern wird sich nichts, es liegt an unserer Waidgerechtigkeit, wie wir damit umgehen", sagte der Kreisjägermeister.

An der Nahtstelle zwischen der umstrittenen Gesetzesnovelle, mit der man inzwischen leben könne, dem 2500-köpfigen Muskelspiel der grünen Zunft auf dem Stuttgarter Schlossplatz und bei Aufklärungs-Aktionen in Metzingen, Reutlingen und Bad Urach sowie einer dräuenden Durchführungsverordnung aus dem kalten Hinterzimmer hatte sich standesgemäßer Ärger aufgebaut. Diesen Schulterschluss, sagte Auer in seinem Geschäftsbericht, "das hat man uns nicht zugetraut".

Noch im vergangenen Jahr habe er die Landesregierung als "grüne Ökodiktatur bezeichnet" und dafür einen ordentlichen Rüffel kassiert. "Die Politiker im Wolfs-Erwartungsland sagen: Sobald wir an der Macht sind, fegen wir das Jagdgesetz weg." Auer vermutete, dass es wohl nicht noch schlimmer werden würde: "Auch früher war nicht alles Gold, was glänzt. Die Zusammensetzung des Gesetzes passt uns nicht. Als Demokraten setzen wir es um."

Übermorgen, am 1. April, tritt das neue Jagdgesetz in Kraft. "Wenn sie mich jetzt fragen, wie steht der Kreisjagdverband dazu: Das war unnötig. Pure Dummheit. Wir hatten das denkbar beste Jagdgesetz, um das uns viele andere Länder beneidet haben", postulierte Kreisjägermeister Auer, "über ein Jahr hat sich das Präsidium des Landesjagdverbandes beim Ministerium für ein praktikables Gesetz eingesetzt. Sie sind auch nicht zufrieden. Aber wenn sie sich die Forderungen der so genannten Umweltverbände anschauen, dann ist ein bitterer Kelch an uns vorüber gegangen."

Die neue Fütterungsverordnung trete erst 2016 in Kraft, informierte der Kreisjägermeister. Der Landesjagdverband unterstütze die Hegeringe beim Aufstellen eines Fütterungskonzeptes.

Den "dicken Knüppel" habe Pfullingen mit der neuen Jagdverpachtung bekommen. Auer: "Es gibt viele Regiejagden und Staatsreviere, die über die Begehungsscheine waidgerecht bejagt werden. Das erwarte ich auch von den Pfullinger Jägern." Jagd sei nach wie vor "Auftrag und Leidenschaft", auch ohne Beute. "Im Jagdgesetz stehen viele Veränderungen an", erklärte Pfullingens Bürgermeister Michael Schrenk, "mit dem Begehungssystem wird etwas Neues ausprobiert. Wir versuchen für die Zukunft die jagd-, forst- und die landwirtschaftlichen Interessen unter einen Hut zu bringen und Teambildung zu betreiben. Das dauert sicher fünf Jahre, bis es umgestellt ist und Früchte trägt. Die Ausgestaltung interessiert jetzt schon manchen Kollegen von mir."

"Die Sache mit den Fütterungs- und Kirrbestimmungen", lag Auer ebenfalls am Herzen: "Ich bin traurig und enttäuscht über eine Mitteilung des Landratsamtes. Wieder wurden Reviere beanstandet. Zum Teil wiederholt. Wichtig ist das Wie und Wo und nicht die Masse."

Peter Spallinger vom ehemaligen Kreisjagdamt sah bis auf einzelne hartnäckige Fälle bei den Überprüfungen eine "deutlich positive Entwicklung". Das Jahr 2013/14 sei mit mehr als 49 000 erlegten Wildschweinen die vierthöchste Schwarzwildstrecke im Land, seit es Aufzeichnungen gebe. Der Landkreis kam auf 1130. Spallinger: "Bitte nutzen sie das Instrument der revierübergreifenden Drückjagden."

Die Rehwildbewirtschaftung ohne behördlichen Abschussplan RobA, gab der Kreisjägermeister bekannt, werde zeitverzögert erst am 1. April umgesetzt. Die Zahl der Begehungsschein-Inhaber ohne Mitgliedschaft im Verband nehme seit Jahren zu, Auer appellierte an die Jagdpächter, dem entgegen zu wirken. Wichtig sei, alle erlegten Sauen untersuchen zu lassen, weil immer wieder positiv auf Trichinen getestet werde. Die Untersuchungen auf Tollwut seien im vergangenen Jahr alle negativ gewesen. 78 von 83 auf Staupe untersuchte Tiere seien positiv gewesen. Vogelgrippe und Schweinepest habe hingegen in Baden-Württemberg nicht nachgewiesen werden können.

Besondere Auszeichnungen

Ehrungen Einen "exzellenten Sportschützen, Hundeführer, Bläser und Jäger" ehrte Michael Eberhard Wendler vom Schwesterverein "Jagd- und Sportschießen". Die Kreisjägervereinigung Reutlingen sei bei den Jagdschützen landesweit eine der erfolgreichsten und Bundesweit an der Spitze, so Wendler. Mit Rolf Moser habe der Verein einen "Leistungsträger der Extraklasse" in ihren Reihen: Der mehrfache Bundes-, Landes- und Mannschaftsmeister wurde 2014 gesamtdeutscher Einzelmeister in der Sonderklasse. "Das hat seit Jahrzehnten kein Jagdschütze aus Baden-Württemberg mehr geschafft", sagte Wendler.

Eine ganz besondere Ehrung nahm bei der Hauptversammlung Anton Kerschbaumer entgegen: Er ist seit 65 Jahren Mitglied in der rund 460 Mitglieder starken Vereinigung. Für 60 Treuejahre wurden Werner Greiner geehrt und für 50 Jahre: Georg Baisch, Karl Fauser und Werner Müller. Seit 40 Jahren Mitglied in der Kreisjägervereinigung sind: Eckhart Wittel, Hans-Joachim Sonntag, Hermann Köhrer, Roland Krause, Siegfried Rich, Walter Rudolph, Wolfgang Luippold und Wolfgang Schwenk. Treuenadeln für 25-jährige Mitgliedschaft erhielten: Matthias Glöckler, Michael Balzen, Oliver Heinz, Peter Fischer, Peter Kaplan und Reinhold Sitar.

Jürgen Class, langjähriger Leiter des Hegerings Schönbuch, wurde für seine Verdienste um das Jagdwesen vom Deutschen Jagdverband geehrt. Genauso wie Andreas Bögel, Obmann der Jagdhornbläserkameradschaft Eningen, Hundeobmann Reiner Hecker und Hegeringleiter Erwin Schult.

Zwei "Urgesteine von der Alb" verabschiedete Kreisjägermeister Wolfgang Auer aus dem Amt: Für Hegeringleiter Gerhard Aichholzer und seinen Stellvertreter Georg Baisch treten Dietmar Heinz und Ottmar Eicher an.

ANE