Ibuprofen und Diclofenac gegen Rheuma, Carbamazepin und Lamotrigin bei Epilepsie, Betablocker, Breitband-Antibiotika, Antiallergika, harntreibende Substanzen gegen Bluthochdruck, Herbizide, banaler Süßstoff, Rostschutzlegierungen, Hormone, Röntgen-Kontrastmittel, Biozide, Flammschutzmittel, Weichmacher und Pflanzenschutzmittel.

Die knappe Analyse einer Untersuchung des Umweltministeriums Baden-Württemberg zum "Spurenstoff-Inventar" in Kläranlagen und Fließgewässern, an der auch die Verbandskläranlage in Pfullingen teilgenommen hat, liest sich wie ein Cocktail aus Chemie- und Pharmalabor. Ein paar wenige der Stoffe werden auf ihrem Weg durchs Klärwerk in die Echaz dann fast vollständig abgebaut.

Die allermeisten passieren die konventionell mechanisch-biologische Klärung aber nahezu ungeschoren. Selbst Wikipedia führt bei neueren Präparaten den Hinweis an: "die Abbaubarkeit der Stoffe in Kläranlagen ist noch nicht hinreichend geprüft."

"Bei den Schwebstoffen sind die Medikamente vorneweg", kommentiert Dr. Barbara Dürr aus Eningen, Ärztin und Ausschussmitglied im Abwasser-Zweckverband "Oberes Echaztal": "Chemie dominiert unser Leben. Es werden immer mehr synthetisch hochkomplexe Medikamente entwickelt, die weniger abbaubar sind. Die Stoffe nehmen in Zukunft nicht ab. Das Wasser muss engmaschig kontrolliert werden."

Im Sammelklärwerk "Oberes Echaztal" reinigen die drei Verbandsgemeinden Eningen, Lichtenstein und Pfullingen seit fast 30 Jahren ihr Abwasser gemeinsam. Im Schnitt rund zehn Millionen Kubikmeter jährlich. Die Jahresfracht an so genannten "Spurenstoffen" lag während der Jahresstudie 2012/13 am Zulauf bei rund 2,2 Tonnen, am Ablauf bei 0,7 Tonnen.

Im Schnitt weist die Studie an den sechs Klärstandorten zwischen 20 und 60 Prozent von rund 200 bekannten Verbindungen nach. Das Klärwerk in Pfullingen hat im Vergleich "auffallend niedrige Konzentrationen". Das mag auch am "Fremdwasser" liegen, das in der Hanglage ins Kanalnetz einsickert. Ein Anteil von nahezu 68 Prozent am Zulauf der Kläranlage verwässert das Ergebnis ordentlich.

Ein Stück flussabwärts, am Entnahmepunkt in Kirchentellinsfurt, weist die Echaz einen mittleren Abwasseranteil von über 20 Prozent auf. Mit einer Jahresfracht an Spurenstoffen, die in Pfullingen am Zulauf gemessen wird. "Bei einer relativ hohen Anzahl an positiven Befunden, allerdings nur mäßig hoher Konzentration." Dennoch wurden vereinzelt Grenzwerte überschritten. Die Studie bescheinigt der Echaz bei Kirchentellinsfurt derzeit eine "mittlere Belastung". Ob das nach den gültigen Grenzwerten eher "hardcore" oder einfach nur "verschwindend" ist, blieb dabei unbeantwortet.

Die Analytik werde immer besser, relativiert der stellvertretende Verbandsvorsitzende, Eningens Bürgermeister Alexander Schweizer, die Messwerte in der Echaz, "damit lassen sich selbst im Trinkwasser Spuren von Kokain nachweisen". Der neue Verbandsvorsitzender, Pfullingens Bürgermeister Michael Schrenk, berichtete bei der Verbandsversammlung von einem Besuch bei der Bodensee-Wasserversorgung. Dort werde mittlerweile der "Stoff der Woche" gekürt.

"Der Schutz und die Sicherung des Lebenselements Wasser ist die Voraussetzung dafür, dass natürliche Gewässer auch in Zukunft ihre wichtige Aufgabe für das Leben des Menschen erfüllen können." Dieser Leitlinie hat sich der Abwasser-Zweckverband "Oberes Echaztal" verpflichtet, "die Regenerationskraft von Wasser ist begrenzt. Wasser ist durch nichts zu ersetzen. Wohl aber vieles, wodurch Wasser verschmutzt oder wofür es verschwendet wird".

In der jüngsten Verbandsversammlung stand dieser Grundsatz auf dem Prüfstand: Der millionenschwere Ausbau der Verbands-Kläranlage mit einer vierten Reinigungsstufe wurde vom Ausschuss einstimmig verschoben. "Die Umweltbilanz für diese Stufe ist nicht gesichert", erklärte Sonja Seeger von den Pfullinger Stadtwerken, "wir wissen nicht, welche Stoffe beim Hantieren mit Aktivkohle entstehen. Die Entwicklung neuer Verfahren läuft auf Hochtouren. In den nächsten zwei bis drei Jahren ist sehr viel zu erwarten."

Was in Pfullingen nach drei konventionellen Reinigungsstufen in die Echaz zurückfließt, ist zu 97 Prozent von Kohlenstoff-, zu 62 Prozent von Stickstoff- und zu 95 Prozent von Phosphorverbindungen befreit. Der Deutsche Städte- und Gemeindeverbund stellt klar: "Das Abwasser in Deutschland wird zu fast hundert Prozent nach den höchsten EU-Standards gereinigt. Die Begrenzung von Schadstoffeinträgen muss verstärkt an der Quelle und nicht nur an den kommunalen Kläranlagen stattfinden."

Das Land "unterstützt" das Vorhaben der EU-Kommission, eine "Arzneimittel-Strategie" zu entwickeln. "Die Füße stillhalten" und "die Emissionssituation weiter beobachten" ist die Strategie des Abwasser-Zweckverbands "Oberes Echaztal". Bereits im Sommer 2015 kommt vom "Kompetenzzentrum Spurenstoffe" die nächste Studie auf Grundlage einer 72-Stunden-Mischprobe, an der auch das Pfullinger Klärwerk wieder teilnimmt.