Reutlingen/Tübingen "Beide verfolgten dasselbe Ziel"

Reutlingen/Tübingen / SIMON WAGNER 06.03.2012
Am Landgericht Tübingen wurde gestern der Prozess gegen ein türkischstämmiges Ehepaar aus Reutlingen fortgesetzt. Den beiden Angeklagten wird versuchter Mord zur Last gelegt.

Zeugen schilderten gestern die angeklagte Tat, bei der im Mai 2011 ein Mann mit Benzin übergossen, angezündet und schwer verletzt wurde. Der Vorwurf lautet: versuchter Mord.

Schauplatz war ein türkischer Kulturverein in Reutlingen. Dorthin sei das Reutlinger Ehepaar im Mai 2011 gefahren, um eine angebliche Vergewaltigung der Frau in Selbstjustiz zu sühnen. Wie die Angeklagte bereits im Vorfeld des Prozesses angab, wurde sie von ihrem späteren Opfer nicht nur zu sexuellen Handlungen gezwungen, sondern auch durch kompromittierende Fotos unter Druck gesetzt.

Die Frage, die die Kammer um den Vorsitzenden Richter Ralf Peters nun zu klären hat: Inwieweit war der Ehemann in die Pläne der Frau eingeweiht. Der Ehemann selbst beteuerte vor Gericht, nichts von den Racheplänen seiner Ehefrau gewusst zu haben. Vielmehr habe er versucht, sie an der Tat zu hindern.

Zweifel an dieser Version kamen gestern während der Befragung eines Zeugen auf, der die turbulenten Szenen aus nächster Nähe beobachtete. Er schnitt dem späteren Opfer in einem nahen Friseursalon die Haare. Dabei beobachtete er an ihm "eine gewisse Unruhe, als wüsste er, was auf ihn zukommt". Kurz darauf betrat der Angeklagte den Raum und sofort habe sich eine Schlägerei zwischen den beiden Männern entwickelt. Als er versuchte, die Kontrahenten zu trennen erschien die Frau mit einem Benzinkanister in der Hand. Er nahm ihn ihr zunächst ab. Seine Frage "Warum macht ihr das?", beantwortete sie mit: "Er hat meine Ehre beschmutzt. Er soll seine Strafe bekommen." Als die Situation drohte zu eskalieren, lief der Zeuge in einen nahen Supermarkt und alarmierte die Polizei. Zurück am Ort des Geschehens, sah er nur noch das fortlaufende Opfer: "Er schoss hinaus mit Flammen am Rücken." Wer ihn mit Benzin übergoss und in Brand steckte, habe er nicht beobachten können. Zwar habe die Frau das Feuerzeug in der Hand gehalten aber, so sein Eindruck: "Beide verfolgten dasselbe Ziel." So habe der Ehemann seine Frau beschimpft, als ihr erster Versuch, Benzin über den Mann zu schütten, an dem festsitzenden Verschluss des Kanisters scheiterte.

Im Zuge seiner Befragung machte ihn die Kammer immer wieder auf Widersprüche zu vorigen Aussagen aufmerksam. Nicht alle Ungereimtheiten konnte er auflösen. Er relativierte jedoch seine früheren Einlassungen, wonach der Ehemann als Brandstifter erschien.

Auch zwei Schüler der im Gebäude untergebrachten Koranschule beobachteten den Kampf der Männer und die späteren Flammen, ohne jedoch gesehen zu haben, wer das Feuer entfachte.

Ein Reutlinger Polizeibeamter berichtete, dass die Ehefrau noch vor Ort die Tat gestand und den Polizisten das vermeintliche Tatwerkzeug, ein grünes Feuerzeug, übergab. Auch ihr mitangeklagter Ehemann habe sich ohne Widerstand festnehmen lassen: "Er wusste genau, was Sache ist", so der Eindruck des Beamten. Zu den Auswirkungen der Tat nahm zudem ein Reutlinger Arzt Stellung. Seine Einschätzung angesichts der glimpflichen Folgen beim Opfer: "Er hatte einen Schutzengel." Er erlitt schwere Verbrennungen auf rund 16 Prozent seiner Haut. Der Prozess wird am morgigen Mittwoch fortgesetzt.

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