Reutlingen / Kathrin Kammerer  Uhr

Von der ersten Idee bis zur ersten Demonstration ging alles ganz schnell: Eineinhalb Wochen haben sie organisiert und mobilisiert, dann standen die Mitglieder des Arbeitskreises Nachhaltigkeit des Friedrich-List-Gymnasiums  zum ersten Mal auf dem Reutlinger Marktplatz. Mit ihnen: 300 andere Schüler. Es war Freitag, der 15. Februar, als die weltweite Klimaschutz-Bewegung „Fridays for Future“ auch die Achalmstadt erreicht hatte.

Als Schulschwänzer und Heuchler beschimpft

„Wir waren völlig baff, dass gleich so viele gekommen sind“, erinnert sich Sophia Wüsteney (18) vom Organisationsteam. „Für viele von uns war das die erste Demo, an der wir überhaupt teilgenommen haben.“ Eine Generation, der man spottend nachsagt, dass sie lieber aufs Handy schaut, als für etwas auf die Straße zu gehen, hatte sich auf einen Schlag weltweit mobilisieren lassen. Das schien dann aber auch nicht allen recht zu sein: Besonders in den Sozialen Medien werden die „FFF“-Aktivisten bis heute böse als Schulschwänzer und Heuchler beschimpft.

„Fridays for Future“ Reutlingen Drei Aktivistinnen erzählen von ihrer Bewegung

„Es ist völlig okay, wenn jemand die Bewegung nicht unterstützt“, sagt Emily Dukat (16). Aber muss es denn gleich so hasserfüllt sein? Ihr Schwester Maja (18) vermutet, dass sich viele Menschen von „FFF“ angegriffen fühlen: „Viele sind einfach bequem und wollen nichts an ihrem Leben ändern.“

Dabei kann das so einfach sein, sagen die drei Schülerinnen des List-Gymnasiums: Im „Unverpackt“-Laden einkaufen, den eigenen Korb mitbringen und keine Plastiktüte kaufen, den eigenen Lebensmittelkonsum mal überdenken und nicht mehr jeden Tag Fleisch essen, saisonal einkaufen, auch mal auf den Bus oder die Bahn umsteigen, wenn es möglich ist. Sie wollen niemanden zum Voll-Veganer bekehren, sagen die drei Aktivistinnen. Und dass man Menschen, die auf der Alb wohnen, nicht mit Bus und Bahn kommen muss, wissen sie auch. „Das macht die Leute ja nur wütend“, sagt Maja. Gleiches gilt beim Diesel-Fahrverbot: „Das schafft eher eine grundlegend negative Einstellung gegenüber dem Klimaschutz“, findet Emily. „Man muss Alternativen schaffen.“

Ernährung? Klimapolitik?

Spontan fällt den drei Aktivistinnen der Schulunterricht ein – da müsse man schnell und dringend was tun, sagen sie. „Wir haben in der 9. Klasse eben kurz den Treibhauseffekt durchgemacht“, sagt Sophia. Aber das war dann auch schon alles. Ernährung? Klimapolitik? Weltweite Zusammenhänge? Fehlanzeige.

Dass oft nur auf dem scheinbaren Schulschwänzen herumgetrampelt wird, macht die Drei sauer. Mal davon abgesehen, dass sie bislang nur einmal geschwänzt haben: Die anderen Demonstrationen waren nämlich bewusst auf 13 Uhr gelegt. „Wir haben durch die Bewegung viel mehr gelernt, als wir in ein paar Schulstunden gelernt hätten“, sagt Maja. „Ich war früher politisch eher passiv. Durch die Bewegung ist mir beispielsweise bewusst geworden, wie wichtig es eigentlich ist, am 26. Mai wählen zu gehen.“

In der Verantwortung sehen Emily, Maja und Sophia neben den Politikern auch die Eltern. „Die haben beispielsweise großen Einfluss darauf, was Kinder über Ernährung lernen.“ Sie selbst ist seit der zweiten Klasse Vegetarierin. „Ich hab mich aus ethischen Gründen dafür entschieden.“ Die Lehrer am Friedrich-List-Gymnasium stehen hinter den Klima-Aktivisten, erzählen die Drei – auch wenn sie es selbstverständlich nicht gut heißen, wenn tatsächlich geschwänzt wird. Einer habe neulich scherzend zu ihnen gesagt, dass die Situation ja fast ein bisschen entmutigend sei: Jetzt rebellieren die Schüler mal – und alle Lehrer finden es gut.

Das „FFF“-Orga-Team hat nun Kontakt zu den Fraktionen des Reutlinger Gemeinderates aufgenommen, mit einigen haben sich die Schüler schon getroffen. „Wir haben sehr positive Rückmeldungen bekommen und wir hoffen, dass der Rückhalt auch nach der Wahl noch anhält“, sagt Sophia. Oberbürgermeister Thomas Keck wollen sie eine persönliche Einladung zur nächsten Kundgebung schicken: Die ist am Freitag vor der Kommunalwahl, am 24. Mai. Dieses Mal wieder um 11 Uhr – was bedeutet, dass einige Schüler schwänzen müssen. „Es gibt sicher welche, die das nur machen, damit sie nicht in die Schule müssen“, räumt Emily offen ein. „Aber der Großteil steht voll dahinter.“

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Demonstrieren und arbeiten: Wie es weitergeht

Und nun? „Wir müssen dranbleiben und schauen, dass die Begeisterung nicht abnimmt“, sagt Emily. Öko-Sein sei schließlich auch ein gewisser Trend, und Trends flachen bekannterweise wieder ab. „FFF“ Reutlingen hat einen Instagram-Account, über den die Initiatoren nun weiter Bewusstsein für Klimaschutz wecken und für die Demonstrationen werben wollen. Auf Facebook ist keine der drei jungen Frauen.

Maja und Sophia haben frisch Abitur gemacht. Maja will zunächst arbeiten, dann die Alpen überqueren und im kommenden Sommer auf einer Alm arbeiten (wenn alles klappt). Sophia hat ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf einem Schulbauernhof im Blick. Erstmal um die Welt reisen, wie es viele nach dem Abitur tun?  „Das ist für mich keine Option“, sagt Sophia. Wenn es ein Flug sein muss, dann aber ein überlegter, sagt Maja: Beispielsweise gleich für ein ganzes Jahr nach Australien.  kam