Ludwigsvorfeste Zwei Tage lang Mittelalter in Neu-Ulm

Handwerk und Unterhaltung: Die Besucher genießen den Mittelaltermarkt.
Handwerk und Unterhaltung: Die Besucher genießen den Mittelaltermarkt. © Foto: Matthias Kessler
Neu-Ulm / Beate Storz 07.10.2018
Gaukler, Kunsthandwerker und Wahrsager belebten die Ludwigsvorfeste am Wochenende. Den Mittelaltermarkt gibt es seit Jahren.

Die Bewohner der Zeltstadt in der Neu-Ulmer Ludwigsvorfeste, die sich am Wochenende häuslich niedergelassen hatten, haben eines gemeinsam: Sie leben gern in einer anderen Zeit. Das Mittelalter ist ihre Welt, ihre Leidenschaft. Lagerfeuerromantik, Handwerk, gemütliches Essen und Schlafen unter dem Himmelszelt ist ihr Alltag, zumindest für die Dauer des Mittelaltermarktes.

Die Besucher können einfach nur den Handwerkern auf die Finger schauen, doch meist kommen sie mit ihnen ins Gespräch. Denn die Handwerker erklären gern und ausgiebig ihre Kunst. Die Netz-Inge aus Illertissen verkauft Haarnetze, teils mit Kunstblumen geschmückt und für die ganz Kleinen sogar mit Einhörnern. „Meine Netze sind nicht gehäkelt, sondern genetzt. Dazu verwende ich eine Netznadel, die auch für die Fischernetze verwendet wird, und ein Gestell.“

Auf dem Plüschpferd über’s Gelände

Ritterlich geht es bei Jutta Borchardt zu. Bei ihr bekommen die Kinder zuerst einen Helm und ein Plüschpferd. Mit dem reiten sie durch das Gelände und müssen Aufgaben erfüllen. Tapferkeit beweisen sie, indem sie einen Drachen mit der Lanze töten. Dann folgt das Ringe-Stechen. „Da ist Geschicklichkeit gefragt“, sagt Jutta Borchardt. Eine weitere Aufgabe ist, für das Pferd Futter zu besorgen. Die Ritter müssen mit dem Holzschwert Kohlköpfe, Rüben, Äpfel und Birnen (aus Holz) abschneiden. Danach werden hölzerne Enten mit der Armbrust abgeschossen. Zum Schluss werden die tapferen Ritter oder Ritterfräulein zum Ritter geschlagen.

Auch Goldsuchen bietet Jutta Borchardt an. „Bei mir haben die Kinder Spaß, und die Eltern sollten mindestens 20 Minuten einplanen. So lange brauchen die Kinder, um ihre ritterlichen Pflichten zu erfüllen.“

30.000 Jahre alte Handwerkskunst

Mützen ohne Chemie bietet Sandra Becker-Drechsler aus Geislingen an. Sie färbt die Wolle selbst und verwendet nur pflanzliche Färbemittel wie Birkenblätter und Zwiebelschalen. „Blaubeeren oder rote Beete verblassen bei Regen und sind ungeeignet.“ Die Wolle stammt aus Deutschland. Daraus fertigt sie die Mützen mit der uralten Handwerkstechnik des Nadelbindens. Becker-Drechsler hat dazu eine große Nadel mit Loch und dicke Wolle. „Dieses Handwerk ist 30.000 Jahre alt, Häkeln kam erst im 18. Jahrhundert nach Europa.“

Sie ist nur Hobby-Handwerkerin. „Ich liebe die Atmosphäre auf dem Markt, man kennt sich seit Jahren. Wir sind eine große Familie“, schwärmt sie. Die Mützenherstellung ist für sie ein guter Ausgleich zu ihrem Beruf. Sie arbeitet als Heilpädagogin in einem Kinderheim und hat drei Kinder. „Andere gehen Joggen, ich habe mein Handwerk.“

Familie Weilemann aus dem Saarland macht Zelturlaub in Neu-Ulm. Nico Weilemann stellt Holzschalen her. Er drechselt sie. Das Holz stammt aus dem Wald seiner Heimatgemeinde Wustweiler. Seine Ehefrau Kira webt mit Wolle von saarländischen Schafen. Und die zehnjährige Tochter Sara genießt das Lagerleben und hat schon andere Mittelalterkinder kennen gelernt. „Hier ist es besonders familiär, man kennt sich und der Markt ist übersichtlich“, lobt Nico Weilemann. Das Wetter spielte jedenfalls mit. Und wer es mit dem Mittelalter ernst nimmt, der hält auch eine Herbstnacht im Zelt aus.

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