Ulm / Edwin Ruschitzka Mehr als 30 Jahre hat Veronika Kahle Gewänder genäht und verliehen. In diesem Jahr ist Schluss damit.

Es war der Dichter Gottfried Keller, der sich 1874 die Novelle „Kleider machen Leute“ ausgedacht hat. Der Schneidergeselle Wenzel Strapinski kleidet sich trotz seiner Armut gut und wird in einer fremden Stadt für einen Grafen gehalten. Er verliebt sich, klärt die Verwechslung aber nicht auf. Ein Nebenbuhler schließlich entlarvt den Hochstapler.

Auch der Ulmer Friedrich Gastberger verkleidet sich mit seiner Frau Bettina Phleps-Thiele gern. Aber er ist nicht Schneider, sondern Drogist von Beruf – und sicher kein Hochstapler. Er liebt es einfach, sich in schicke Schale zu werfen, er schätzt die Zeit des Jugendstils im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Er lässt sich fotografieren, bevorzugt in stilechter Umgebung.

Die beiden konnten aus dem Fundus von Veronika Kahle schöpfen, die seit 30 Jahren in Ulm und jetzt in Neu-Ulm in der Lessingstraße das „Ulmer Kostümhaus“ betreibt. Die Kostümbildnerin und Gewandmeisterin hört zur Mitte des Jahres auf. Und der Abverkauf ihres Fundus’ beginnt am 15. Januar. Auf einer Fläche von 300 Quadratmetern findet man dort 2500 Gewänder und Kostüme. Und es gibt fast nichts, was es nicht gibt – vom einfachen quergestreiften Matrosen-T-Shirt bis hin zur aufwendigen venezianischen Rokoko-Robe.

Veronika Kahle war erst Kostümbildnerin an den Theatern in Frankfurt und Marburg, danach freiberuflich tätig. Sie lieferte die Gewänder und Uniformen für die Wallenstein-Tage in Memmingen, fürs Klosterfest in Zwiefalten, für die historischen Führungen im Schloss Ludwigsburg oder für Musical-Aufführungen beispielsweise in Schwäbisch-Gmünd. Aber nicht nur in der Ferne war sie aktiv, sondern auch hier in Ulm: Das längst geschlossene Theater in der Westentasche ließ sich von ihr ausstatten. Sie schneiderte Kostüme für historische Stadtführungen in Ulm und fürs Fischerstechen.

„Wir sind Profis“, sagt die 62-Jährige, die zur hohen Zeit bis zu fünf Mitarbeiterinnen beschäftigt und auch ausgebildet hat. Denn ein aufwendiges Kostüm zu schneidern, erfordert neben dem Können auch Zeit. Und man braucht die Accessoires wie Knöpfe, Abzeichen, Quasten, Hutfedern und mehr, will man so authentisch wie möglich arbeiten. Das Fertigen so einer venezianischen Rokoko-Robe dauert dann schon mal zwei, drei Wochen. Selbst das Oktoberfest-Dirndl ist aufwendiger zu schneidern, als jene die man im Internet bestellen kann.

Wenn Veronika Kahle jetzt am 15. Januar mit dem Abverkauf beginnt, wird schon einiges nicht mehr zu haben  sein. So haben sich Friedrich Gastberger und Bettina Phleps-Thiele schon ihre Anzüge und Kleider reservieren lassen. Abverkauf heißt nicht, dass die Ware verramscht wird. Nein, dazu sei sie viel zu wertvoll. Wer die venezianische Rokoko-Robe erstehen will, muss dafür schon 1200 Euro berappen.

Eines bedauert Veronika Thiele: dass sie keinen Nachfolger oder ein Nachfolgerin hat. Der Sohn ist Architekt, entwirft also auch Dinge von hohem Wert. Eine Tochter hat sie nicht. Ganz aufhören wird sie aber nicht. Schneidern will sie dann weiter im eigenen Atelier zu Hause, vielleicht auch mit einer Partnerin.

Das Ulmer Kostümhaus

Geschichte Begonnen hat alles 1986 in einem Haus am Blaubeurer Ring. Über Söflingen ist Veronika Kahle mit ihrem „Ulmer Kostümhaus“ dann in einer stillgelegten Schreinerei in Wiblingen gelandet, wo sie 25 Jahre ihr Geschäft betrieben hat. Seit 2014 ist sie in der Lessingstraße zu Hause, wo sie eine Fläche von 300 Quadratmetern gemietet hat. Der Vertrag läuft Mitte des Jahres aus und wird nicht verlängert. Mit dem Abverkauf der Kostüme wird am 15. Januar begonnen.