Irgendwann ist dem dunklen Wallach der ganze Zirkus dann doch zu blöd. Weil ihm niemand eine klare Ansage macht, entscheidet das Pferd eben selbst, was zu tun ist: Es läuft los. Karl-Heinz Raguse läuft hinterher. Pferdemenschen wissen: ein relativ sinnloses Unterfangen. Nicht-Pferdemenschen lernen, was Galopp ist.

Schnuppertag auf der Ranch

Raguse, regionaler Repräsentant des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, ist zu einem Schnuppertag auf die P & P Ranch von Janina Natterer in Ludwigsfeld gekommen – genau wie Florian Fuchs, Chef von „Wir in Neu-Ulm“, sowie ein knappes Dutzend anderer Menschen, die sich für pferdegestütztes Coaching interessieren.

Ihre Schluss­aufgabe: zu viert ein Pferd durch einen Parcours leiten – ohne Strick. Dabei geht es nicht darum, zum nächsten Pferdeflüsterer zu werden. Sondern darum, das eigene Verhalten zu verstehen, zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern. „Das ist ein alter Hase, der sich nicht unbedingt etwas sagen lässt“, erklärt Coachin Susanne Biesenberger das Verhalten des Wallachs im Parcours. „Solche Mitarbeiter gibt es auch.“

Coaching, erklärt Biesenberger, fange immer mit Persönlichkeitsentwicklung und Selbstkenntnis an. „Die kann ich durch Pferde stark verbessern.“ Denn wer etwas an seinem Verhalten ändert, bekommt eine unmittelbare Rückmeldung vom Tier. Pferde sind groß, stark, mutig. Aber auch ängstlich, sensibel und freundlich. „Sie zeigen viele Facetten von Emotionen und können sie spiegeln“, erklärt Biesenberger. „Pferde können sich nicht verstellen oder taktieren.“

Menschen haben blinde Flecken

Die Hierarchie der Menschen untereinander interessiert sie nicht: „Ihnen ist egal, ob da der Chef oder ein einfacher Mitarbeiter steht.“ Die unmittelbare Reaktion des Pferdes auf den Menschen macht sich Biesenberger zunutze. Denn Klienten hätten blinde Flecken, an die sie als Coach manchmal nicht herankomme. „Das Pferd zeigt mir innerhalb von Minuten, wofür ich im Gespräch Stunden brauche.“

Im Stall gibt es viele neue Eindrücke und Reize, ungewohnte Gerüche und Geräusche. In Kombination mit der Emotionalität, die Pferde bei den meisten Menschen auslösen, sei das eine optimale Lernumgebung.

Höchstens acht Teilnehmer können bei einem Coaching mitmachen. Los geht es eigentlich ganz einfach: Die Teilnehmer sollen sich ein Pferd aussuchen und es am Strick um vier in der Halle aufgestellte Pylonen herumführen. Doch leichter gesagt als getan: Ein Mann dreht sich immer wieder zu seinem Haflinger um, geht nur zögerlich – und das Pony folgt ihm ebenso zögerlich, wie es geführt wird. „Er ist noch nicht so sehr davon überzeugt, dass Sie sein neuer Chef sind“, kommentiert Biesenberger.

„Führen heißt, das Verhalten des anderen zu beeinflussen“

Das Pferd einer anderen Teilnehmerin will sich gar nicht erst in Bewegung setzen. Sie streichelt es, flüstert ihm Schmeicheleien ins Ohr – nichts passiert. Klar: „Sie haben ihn dafür gelobt, dass er stehen geblieben ist“, erklärt die Coachin das Verhalten des Tiers. „Führen heißt, das Verhalten des anderen zu beeinflussen“, erläutert Biesenberger. Ziele setzen sei das A und O: „Wenn ich selbst nicht weiß, wohin ich will, wird das nichts.“ Im Coaching gehe es nicht um richtig oder falsch. Man soll erkennen, „wie man tickt“. Es komme durchaus vor, dass das Pferd etwa mit der Teamsekretärin mitgeht – und mit dem Chef nicht. Dann kann die Situation unangenehm werden, wenn es sich nicht um eine souveräne Führungskraft handelt, die bereit ist, an der Situation zu wachsen. In solchen Fällen bricht Biesenberger ab. „Wir kommen hier in Grenzsituationen, es darf ja niemand sein Gesicht verlieren.

Für eine andere Übung steckt Reitlehrerin Janina Natterer ein Quadrat, den so genannten Picadero, ab. Der Mensch soll erst Distanz zwischen sich und das Pferd bringen und es später zu sich holen. Der Frau, die sich als erstes daran versucht, will das nicht recht gelingen: „Im Moment steht er in der Mitte und Du läufst um ihn rum“, stellt Biesenberger fest. Und schlussfolgert: „Das, was Du die ganze Zeit machst, funktioniert nicht. Du musst Dir also was anderes überlegen.“

Genau das macht die Teilnehmerin. Schon klappt die Aufgabe, und das Pferd ist zufrieden. Natterer erklärt: „Er kaut, schleckt und ist zufrieden, weil er wusste, was er tun sollte und eine Aufgabe hatte.“ Das hat nicht nur dem Haflinger gut getan, sondern auch der Teilnehmerin: „Dadurch, dass es geklappt hat, hat sie sich aufgerichtet und gelächelt. Man kann jemanden so wachsen lassen.“

Nicht mit Druck arbeiten

Biesenberger präzisiert, dass es darum geht, klare Ansagen zu machen – und nicht, mit Druck zu arbeiten. Sie erinnert sich an eine Führungskraft, „bei der das Pony fast auf der anderen Seite aus dem Picadero rausgesprungen ist, als er reinkam“. Wer bei Pferden eine derartige Angstreaktion auslöst, tut das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei seinen Mitarbeitern im Büro.

Die Teilnehmer sind begeistert, egal, ob es nun ums Privat- oder Berufsleben geht. „Manchmal ist es vielleicht peinlich, wenn etwas nicht klappt, aber so erfahre ich etwas und lerne daraus“, findet etwa Melanie Handel. Cornelia Böhm-Sodan pflichtet ihr bei: „Es ist spannend, ganz schnell zu begreifen, wo man bei sich mehr hingucken sollte, wo der Mangel ist.“ Sie ist beeindruckt davon, wie sensibel Pferde sind und dass sie auch Unausgesprochenes wahrnehmen.

Auch Karl-Heinz Raguse fand die Erfahrung bereichernd. „Man lernt sich in einer anderen Situation kennen, es sind nicht alle so gleichförmig angezogen wie normalerweise auf Manager- und Unternehmer-Veranstaltungen.“ Selbst, wenn sie es wären: Den Pferden ist es gleich.

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Ohne Sattel Für das Coaching brauchen die Teilnehmer keine Pferdeerfahrung, es wird auch nicht geritten. Janina Natterer und Susanne Biesenberger arbeiten auf der Reitanlage in Ludwigsfeld mit Pferd und Mensch am Boden. Für ein Coaching sollten Gruppen mindestens einen Tag einplanen. Dazu kommen die Einzelsitzungen. Biesenberger empfiehlt, danach nochmal ans Pferd zu gehen.