Vielleicht hängt das alles mit seinem Beruf zusammen. Daniel Fürst hat Schornsteinfeger gelernt, da liegt es in der Natur der Sache, dass man in den dunklen Abgrund nicht nur hineinschaut, sondern sich dort auch richtig schmutzig macht. Jetzt, im Wahlkampf für die SPD, geht Fürst auch dahin, wo es weh tut: In Kneipen, die man nicht abwertet, wenn man sie als Spelunken bezeichnet. Denn auch dort wird über Politik geredet. „Aber nur negativ“, glaubt Fürst. Das führe zu Frust. Zu Hass. Und letztlich zur AfD. Ein Knochenjob sei das, und ganz bestimmt kein Spaß für einen SPD-Politiker. Der 34-Jährige macht es trotzdem. „Ich rede gern mit Leuten. Ich will mir das anhören, auch wenn es unangenehm ist. Die Menschen müssen ihren Frust loswerden können.“

Überhaupt, reden – das ist sein Thema. Nicht der Geschwätzigkeit halber, sondern um wieder ins Gespräch zu kommen. Um die 100 Vereine und Verbände im Wahlkreis hat er mit diesem Ziel angeschrieben. Auf 15, vielleicht 20 Antworten hatte er gehofft. Am Schluss waren es 83. Natürlich war es anstrengend, die Termine unterzubringen. Aber er hat dabei viele Menschen kennen gelernt, er hat das Gefühl, er weiß jetzt, wo der Schuh drückt. Für einen Politiker, sagt er, sei es wahnsinnig wichtig, so ein Stimmungsbild zu bekommen.

Seinen Urlaub verbringt er diesen Herbst mit Wahlkampf. In anderen Jahren macht er Fernreisen, geht mit seiner Partnerin überall auf der Welt tauchen. Daheim fährt er gern Motorrad – und steht zum gezielten Nichtstun: Zeit, in der er einfach ausspannen und Freundschaften pflegen kann.

Daniel Fürst ist ein Mann, der die Politik von Grund auf umkrempeln will. Jedenfalls das, was er als „Politik des Abwartens“ wahrnimmt. Nur auf Umstände zu reagieren, reicht ihm nicht. Er will, dass Regierungen auch in guten Zeiten aktiv die Zukunft gestalten. Denn grundsätzlich, findet er, gehe es Deutschland gut.

Selbstredend auch dank der SPD, betont er. „Wenn man aber auf eine Krise reagieren muss, wird schnell etwas über die Köpfe der Leute hinweg entschieden.“ Sich selbst bezeichnet er als politischen Quereinsteiger mit berufsbedingt politischem Verstand.

Zu den Sozialdemokraten kam er über seine Gewerkschaft, deren Bundesvorsitzender er inzwischen ist. In die Gewerkschaft eingetreten ist er nach der Lehre, weil man das halt so machte. Irgendwann wollte er mehr über die Geschichte der Gewerkschaften wissen – und stieß auf die SPD. Jahrelang war er stilles Mitglied. Bis die AfD ins erste Landesparlament einzog. „Da habe ich gedacht: Das darf doch nicht wahr sein.“ Er wurde im Ortsverein aktiv, riss gerne die Klappe auf. „Und dann wird man irgendwann in die Pflicht genommen.“

Von der oft von den Genossen geforderten Erneuerung der SPD hält Daniel Fürst so ziemlich gar nichts. Nur noch 17 Prozent der Parteimitglieder seien Beschäftigte. „Das muss wieder der Schwerpunkt werden. Zurück zu den Grundwerten.“ Für ihn ist das vor allem eine vernünftige Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, um die Menschen zu stärken und zu entlasten, wie er sagt.

Bezahlbarer Wohnraum, kostenlose Kita-Plätze, Pflege, Infrastruktur, Sozialkassen: „Das sind Dinge, die uns täglich beschäftigen. Sollen sich die anderen über Außengrenzen und Flüchtlinge streiten.“ Fürst denkt außerdem über die Folgen der Digitalisierung nach. Ein Elektromotor zum Beispiel brauche wesentlich weniger Bauteile als ein konventioneller. Die Arbeitsplätze, die in der Automobilbranche auch bei den Zulieferern in der Region dadurch verloren gehen, müssten anderswo neu geschaffen werden. „Wir bräuchten so etwas wie die Ulmer Wissenschaftsstadt für den Landkreis Neu-Ulm.“

Seine Chance auf ein Mandat schätzt er zum Zeitpunkt des Gesprächs Anfang September durchaus als realistisch ein. Da liegt die Bayern-SPD aber auch noch bei 13 Prozent. Inzwischen sind es – je nach Hochrechnung – eher 12 Prozent. Was, Herr Fürst, ist los in Bayern? Er überlegt, rattert verschiedene Faktoren herunter, schilt noch einmal die Abwarte-Politik, landet bei jenen, die die AfD nicht aus Überzeugung, sondern aus Protest wählen. „Denen muss man die Augen öffnen und ein Angebot machen.“ Abgesehen davon bräuchten alle Gesellschaftsschichten das Gefühl, ernst genommen zu werden.

Und falls es nicht klappt mit dem Einzug in den Landtag? Will er trotzdem weitermachen. „Die Politik hier hat mich gepackt. Ich kann nicht am 15. Oktober sagen: Das vergess’ ich jetzt.“

Auch engagiert für seinen Berufsstand


Person Aufgewachsen ist Daniel Fürst auf einem Bauernhof mit Islandpferden in Neresheim. Im Zivildienst begegnete er einem Schornsteinfeger, fand den Beruf interessant. Nach einem Praktikum machte er die Lehre zum Kaminkehrer und den Meister. Er ist Vorsitzender des Zentralverbands Deutscher Schornsteinfeger. Fürst, 34, lebt mit Partnerin in Neu-Ulm und pendelt in sein Büro in Erfurt. In die SPD trat er vor zwölf Jahren ein.

Nuxit ist das Gegenteil von Solidarität


Dagegen Daniel Fürst ist gegen den Nuxit und würde sich im Landtag dafür einsetzen, dass die Kreisfreiheit nicht durchgesetzt wird. „Ich würde mich umstimmen lassen, wenn stichhaltige Argumente vorliegen.“ Er ist nicht überzeugt, dass ein Austritt aus dem Landkreis Vorteile bringt. Neu-Ulm habe viele Jahre vom Landkreis profitiert. „Das hat nichts mit Solidarität zu tun. Auseinanderdividieren hat noch nie was gebracht.“