Neu-Ulm / Von Edwin Ruschitzka  Uhr
Seit 23 Jahren betreibt Cornelia Voxbrunner einen Erotik-Laden am Augsburger-Tor-Platz. Zum letzten Mal werden Pornofilme in den Kabinen gezeigt.

Die Frau hinter der Ladentheke ist überaus freundlich und erstaunlich offen. Seit genau 23 Jahren betreibt Cornelia Voxbrunner  ein Erotik-Geschäft am Augsburger-Tor-Platz. Am Freitag ist Schluss. Die 56-Jährige hört jetzt auf. Und sie weiß einiges zu erzählen von Menschen auf der einst sündigen Meile in Neu-Ulm. Nein, mit der Hamburger Reeperbahn ist die Ladenzeile unter dem Wohnblock Augsburger Straße 58 gewiss nicht zu vergleichen. Die Rio-Rita-Bar ist längst geschlossen, die Peter-und-Paul-Stuben sind dagegen noch geöffnet. Ein Kosmetikgeschäfts gibt es, auch eine Fahrschule. Vor allem aber war dort Neu-Ulms einziger Erotik-Laden zu Hause. Cornelia Voxbrunner hat vor allem Porno-Filme im Angebot. Nichts Softes, eher Hardcore. Aber nie etwas Verbotenes. Ihr Kundenstamm, so erzählt die verheiratete Mutter einer erwachsenen Tochter, sei ihr all die Jahre treu geblieben. „Und das sind allesamt Menschen wie Du und ich“, sagt sie, „der ganz normale Querschnitt unserer Gesellschaft.“ Darunter sind auch Ehemänner, die sich von ihr Rat erhoffen, um mit einem entsprechenden Film, einem so genannten „Lusthilfsmittel“ oder einem Sex-Spielzeug das zu Hause eingeschlafene Liebesleben wieder auf Vordermann zu bringen. Die ihr oft gestellte Frage: „Was würden Sie mir empfehlen?“ Ihre Standart-Antwort: „Da sollten Sie nicht mich, sondern ihre Frau fragen.“ Oft sei betretenes Schweigen die Folge gewesen. „Mitunter ist es aber Männern gelungen, die Frau mal mitzubringen.“ Für solche Termine hat Cornelia Voxbrunner auch nach Feierabend gerne Überstunden geschoben.

Männer lassen dort auch Dampf ab

Über 80 Prozent ihrer Kunden sind männlich, zwischen 30 und 80 Jahren alt. „Die Jüngeren“, so weiß sie, „bedienen sich inzwischen ausschließlich im Internet.“ Viele sind tatsächlich 70 Jahre und älter, meist alleinstehend. „Männer“, so sagt sie, „haben länger sexuelle Bedürfnisse als Frauen.“ Diese Kunden buchen gerne auch mal ihre Sex-Kabinen, wo sie einen Automaten mit Münzen füttern und entsprechende Sex-Filme anschauen. Dabei bleibt es nicht, denn diese Kabinen sind weit mehr als kleine Ein-Mann-Kinosäle. „Die Männer lassen dort auch Dampf ab“, umschreibt sie die Tatsache, dass sich viele beim Anschauen der Filme Erleichterung verschaffen. Es seien auch Männer dabei, verheiratet mit Kindern, die ihre homosexuellen Neigungen mit dem Anschauen von Gay-Filmen befriedigen. 90 Sekunden zuschauen kostet einen Euro. So lange man(n) den Automaten füttert, so lange läuft der Film.

Es fehlt die Laufkundschaft

In die Schmuddelecke will sie diese Sex-Kabinen nicht stellen: „Da drinnen ist es doch besser, als wenn diese Personen in der Öffentlichkeit auf dumme Gedanken kommen. Cornelia Voxbrunner kennt ihre Pappenheimer, sie hat sie in all den Jahren auch zur Reinlichkeit erzogen. Als die Soldaten der US-Armee noch in Neu-Ulm stationiert waren, als der Barfüßer gleich nebenan noch amerikanisches Offizierskasino war, als um die Ecke noch Mac Donald’s Hamburger verkaufte, gab es am Augsburger-Tor-Platz insgesamt drei Erotik-Shops. Das seien die goldenen Zeiten der Branche gewesen auf der einst sündigen Neu-Ulmer Meile, erinnert sie sich.

Am Freitag wird sie ihren Laden endgültig absperren. Das gesamte Haus werde saniert, die Eigentümerin wolle den Laden im Erdgeschoss verkaufen. Was nachfolgt, weiß sie nicht. Und: Die Lage hier ist nicht so toll. Es fehlen Parkplätze und die Laufkundschaft. Nur Radfahrer schießen an der dunklen Ladenzeile allzu schnell vorbei.

Das könnte dich auch interessieren

Am Donnerstag hat es in Metzingen eine Suchaktion nach drei Personen gegeben, die als vermisst gemeldet wurden. Die Polizei war sogar mit einem Hubschrauber im Einsatz.

Eine neue Linie 3 der Ulmer Straßenbahn könnte nach Neu-Ulm führen. Die Stadträte haben am Mittwoch zugestimmt. Jetzt soll eine Machbarkeitsstudie folgen.

Branche im Wandel

Historie Anfangs hat Cornelia Voxbrunner in ihrem Erotik-Laden noch Video-Kassetten verkauft. Dann kam die Umstellung auf DVD. Blue Rays hat sie keine in den Regalen stehen, die seien in der Branche eher nicht so beliebt: „Die Aufnahmen sind so scharf, da sieht man wirklich jeden Pickel.“ Und das sei bei Herstellern und Konsumenten nicht angesagt. Ihr Filmmaterial ist durchaus Hardcore, aber keine Billigware aus Osteuropa. Die Filme werden zumeist in Deutschland, den Niederlanden und in den Vereinigten Staaten produziert. „Ja, in den eigentlich so prüden USA.“ Ihre Kunden, so sagt Cornelia Voxbrunner, stünden auf gute Darsteller und eine gute Handlung.