Neu-Ulm Obdachlosigkeit: Neubau für Nuißl-Heim steht an

Im Jahr 2007 wurde das neue Gebäude an der Leibnizstraße errichtet. Auf der Freifläche daneben soll bald eine Unterkunft mit 65 Zimmern entstehen.
Im Jahr 2007 wurde das neue Gebäude an der Leibnizstraße errichtet. Auf der Freifläche daneben soll bald eine Unterkunft mit 65 Zimmern entstehen. © Foto: Volkmar Könneke
Neu-Ulm / Christine Liebhardt 05.12.2018
Das neue Gebäude soll fünf Stockwerke hoch werden. Der Stadtrat hat einen Warmwasseranschluss für die Zimmer durchgesetzt.

Gebäude, die mehr als nur in die Jahre gekommen sind, Keller, die abgestützt werden, damit die Decke nicht einstürzt, zum Teil äußerst aggressive Bewohner: Im Nuißl-Heim gibt es viele Probleme. Davon haben sich die Stadträte bei einer Besichtigung der Notunterkunft für Obdachlose im Neu-Ulmer Industriegebiet selbst ein Bild machen können. Und in ihrer anschließenden Sitzung im Rathaus entschieden, dass die Stadt ihre Planung für einen Neubau weiter verfolgen soll.

„Die Altbauten sind nicht mehr haltbar“

Stadtbaudirektor Markus Krämer redete nicht um das Problem herum: „Die Altbauten sind nicht mehr haltbar.“ Die drei Gebäude aus den 1930er Jahren sollen abgerissen werden. Zur Leibnizstraße hin soll ein fünfgeschossiger Neubau entstehen, der extern geplant werden soll.

Die Ausstattung soll „so einfach wie möglich, unempfindlich und stabil“ sein, erläuterte Krämer. 3,1 Millionen Euro soll das kosten, 2020/21 soll gebaut werden. 50 Einzel- und 15 größere Zimmer sind geplant. In den Einzelzimmern hatte die Stadt Toiletten und Waschbecken mit Kaltwasser vorgesehen, Warmwasser sollte es nur in den Gemeinschaftsduschen geben.

Doch dabei wollten die Stadträte es nicht belassen: Durch die Bank forderten die Fraktionen, dass es auch in den Zimmern warmes Wasser geben müsse. „Das ist einfach der Mindeststandard“, sagte Mechthild Destruelle (Grüne). „Wir müssen uns als Stadt daran messen lassen, wie wir mit den ärmsten Bürgern und Bürgerinnen umgehen.“ Auch Christa Wanke (FDP) fand: „Warmes Wasser ist einfach notwendig.“ Manch einer hatte offensichtlich noch die Diskussion vor 13 Jahren vor Augen, als Räte und Oberbürgermeister erbittert darüber gestritten hatten, ob es in den Unterkünften überhaupt warmes Wasser geben soll. „Das hat damals nicht so ein gutes Bild gegeben“, erinnerte sich Rainer Juchheim (Grüne).

Dieses Mal lief es anders: OB Gerold Noerenberg nahm schlicht zur Kenntnis, „dass die Verwaltung den Auftrag erhält, Warmwasser zu installieren“. Deutlich höhere Baukosten verursacht das nicht, es geht um 30 000 Euro, stellte Markus Krämer fest: „Da kommt es nicht drauf an.“ Die Verwaltung habe aus anderen Gründen nur den Kaltwasseranschluss vorgeschlagen: „Wir haben die Befürchtung, dass man das Warmwasser stundenlang laufen lässt.“ Wird der Hahn im Gegenteil zu selten aufgedreht, steige die Legionellengefahr.

Im Stadtrat ging es nicht nur um den Neubau, sondern auch um ein neues Sicherheitskonzept vor Ort. Die CSU hatte im Sommer beantragt, zu prüfen, wie die Situation so verbessert werden kann, dass es deutlich weniger Übergriffe auf die Bewohner des Nuißl-Heims gibt. Wie die Verwaltung berichtet, haben die Polizeieinsätze in der Leibnizstraße stark zugenommen: Waren es 2016 noch 110 und im Jahr darauf 116 Einsätze, wurde die Polizei allein bis Juli dieses Jahres 127 Mal gerufen. Für den gleichen Zeitraum führt die Polizeistatistik im Nuißl-Heim 16 Körperverletzungen auf, fünf davon gefährlich.

Sucht und Überschuldung

Die Verwaltung schlägt deshalb ein Sicherheitskonzept vor: Für die Überwachung der Freiflächen und Treppen soll ein Sicherheitsdienst beauftragt werden, der jede Nacht drei Mal das Gelände kontrolliert. Auf den öffentlich zugänglichen Flächen gilt ein Alkoholverbot. Dort wird außerdem Außenbeleuchtung und Videoüberwachung installiert. Besuch ist nur noch von 10 bis 22 Uhr erlaubt. Schließlich soll eine bereits bewilligte, zusätzliche Hausmeisterstelle besetzt werden.

Alle Bewohner der nach dem ehemaligen Oberbürgermeister Franz Josef Nuißl benannten Anlage seien massiv überschuldet, heißt es im Bericht der Verwaltung. Mindestens 60 Prozent seien alkohol-, drogen- oder tablettenabhängig, rund 15 Prozent seien psychisch erkrankt. Diese „Multiproblemlage“ sei nur „in monatelanger akribischer Sozialarbeit aufzulösen“, schreibt die Verwaltung. Ziel des gemeinsamen Betreuungskonzeptes von Stadt, Caritas und Diakonie ist es, die Menschen soweit zu stabilisieren, dass sie wieder in eine eigene Wohnung ziehen können. Das sei in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich bei fünf Bewohnern im Jahr gelungen – ohne Rückfallquote. Der Stadtrat stimmte zu, die Betreuung bis 2020 zu finanzieren.

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Erbitterter Streit um warmes Wasser

Duschen 2007 wurde das erste Gebäude in der Leibnizstraße erstellt. Zuvor hatte es um den Bau so viel Ärger gegeben, dass bundesweit Medien berichteten: 2005 stritt der Stadtrat heftig darüber, ob man den Obdachlosen in der Notunterkunft warmes Wasser zum Duschen zur Verfügung stellen soll. Gegen den Willen von OB Gerold Noerenberg, des Sozialbürgermeisters und einiger Stadträte wurde in einer Abstimmung Warmwasser durchgesetzt.

Boiler Keine zwei Jahre später stimmten dann bis auf Rudolf Erne (SPD) alle Stadträte dafür, nur einen 175 Liter fassenden Boiler für die 30 Zimmer einzubauen, wie vom externen Planungsbüro vorgeschlagen – um der Vergeudung von Warmwasser vorzubeugen. Als Unternehmer Walter Feucht einen größeren Boiler spendieren wollte, bezahlte die Stadt ihn dann allerdings doch selbst.

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