Keine Sperrstunde, keine Rüge für lange ausbleibende Partner, keine Verkehrskontrollen durch die Polizei: In Neu-Ulm gelten seit gestern andere Gesetze. Das Narrenkomitee (Nako) hat zum 29. Mal in Folge den Schlüssel zu den hehren Hallen der Stadt jenseits der Donau erobert, Bürgermeister und Gemeinderat sind bis Aschermittwoch entmachtet. Dabei sah es für die acht Nako-Zünfte lange schlecht aus. Doch der Reihe nach.

Gombiger Donnerstag, Schlag 17 Uhr. Vor dem Neu-Ulmer Rathaus versammelt OB Gerold Noerenberg eine wackere Schar kostümierter Stadträte und Mitarbeiter, um unverzagt der schieren Übermacht von rund 150 Hästrägern gegenüber zu treten. Schützenhilfe liefert ihm sein Ulmer Amtskollege Gunter Czisch. Bereits auf den ersten Blick ist klar: Die Rathaus-Chefs setzen auf Abschreckung. Beiden Herren gemein ist ein Kostüm, das Macht ausdrückt und Ehrfurcht fordert – Czisch kommt als Ratsherr, Noerenberg als Feldherr.

Narren sind siegessicher

Die Narren lassen es ruhig angehen: „Wir feiern mit dem OB eine Geburtstagsparty“, verkündet Nako-Sprecher Peer Gombert. Zum 150-jährigen Jubiläum der Stadt Neu-Ulm haben die Narren ein Guggen-Ständchen vorbereitet und allerlei Geschenke verpackt: Tänze von Narrensamen und Aktiven, aber auch die typischen Spiele, die zu Festen dieser Art Jahr für Jahr gespielt werden.

Zu Beginn geben sich die Narren siegessicher. „Es isch heit so wia jedes Johr – des Rathaus wird gestürmt – ond zwar so heftig, wirklich wohr – dass d’Stadtverwaltung türmt“, reimt der Zunftmeister der Narrenzunft Ulm, Gerhard Wies. Und versprach: „Beim Sturm auf’s Rathaus, wer hätt’s denkt – do isch der Schlüssel s’Ziel – drom kriagad se ganz g’wies nix g’schenkt – für d’Narra gohd’s om viel.“

Markige Worte, denen Taten folgen: Das erste Spiel mit dem Titel „Autorennen“ wissen die Hästräger haushoch für sich zu entscheiden. Es gilt, eine lange Schnur schnellstmöglich aufzurollen und dadurch ein an ihr befestigtes Bobbycar in Höchstgeschwindigkeit über eine abgesteckte Rennstrecke ins Ziel zu befördern. Kein Problem für die Narren – es steht 1:0.

Doch schon beim nächsten Spiel wendet sich das Blatt: Bei der „Fuchsjagd“ schafft es die Mannschaft der Verwaltung mit Unterstützung des Publikums, die eigenen Luftballons erfolgreich zu verteidigen und zugleich die des Gegners zum Platzen zu bringen. 1:1. Auch bei der „Donauüberquerung“ punktet die Stadt: Während sich die beiden OBs vorwiegend auf moralische Hilfe verlegen und aus sicherer Entfernung die Daumen drücken, schaffen es Räte, Mitarbeiter und ein Junge aus dem Publikum für das Team Stadt auf kleinen Matten, die voreinander gelegt werden müssen, schneller ans andere Ufer einer fiktiven Donau als die Narren. 1:2.

Sieg auf ganzer Linie

Auch das letzte Spiel „Buchstabensalat“ geht klar an die Verwaltung: Jeder Spieler erhält einen Buchstaben. Auf Zuruf von Nako-Spielleiter Dirk Asam müssen die Teams schnellstmöglich Wörter bilden: Donau, Münster, Nako, Maske, Narren. Die Stadt hat die Nase vorne; beim Zieleinlauf unterstützen auch Noerenberg und Czisch. Es wird ein Sieg auf ganzer Linie.

„Wir sind vorne“, stellt Noerenberg erfreut fest. „Ich habe mitgezählt“, entgegnet Asam: „Wir können einpacken.“ Kein Neu-Ulm den Narren, keine Herrschaft der Hästräger in diesem Jahr? Der OB erweist sich als fairer Verlierer. „So a Muggaseggale waren die Narren scho gut dabei“, meint er. Zudem, das gibt er zu, habe die Mannschaft der Stadt bei der Donauüberquerung ein klein wenig gegen die Spielregeln verstoßen und die Matten nicht direkt aneinandergelegt, sondern bisweilen recht weit geworfen, um schneller ans Ziel zu kommen. Zudem schadeten weder ihm noch seinen Mitarbeitern ein paar Tage Urlaub. „Freiwillig geben wir uns geschlagen – regiert weise“, beschließt Noerenberg und überreicht der Nako-Führung den überdimensionalen Schlüssel zum Allerheiligsten.

Der Jubel ist riesig. „In diesem Rathaus regiert bis zum Aschermittwoch das Narrenkomitee Ulm/Neu-Ulm“ verkündet ein eilig gehisstes Banner im ersten Stock. Asam weist in die Narrengesetze ein, die ab sofort gelten: Statt „Grüß Gott“ heißt es „Narri Narro“ oder „Helau“, aus dem förmlichen „Sie“ wird das vertraute „Du“ und „jeder Bürger ist verpflichtet, einem Narren behilflich zu sein und ihm keinen Wunsch abzuschlagen“.

Närrische Termine in Ulm, Neu-Ulm und Umland am Wochenende


Heute um 9.30 Uhr geht es gleich weiter mit dem Schulsturm an der Meinloh-Grundschule in Söflingen. Um 19 Uhr startet der 40. Hemdglonker-Umzug am Münsterplatz. Erwartet werden 600 Teilnehmer. Und um 19.30 Uhr beginnt im Kornhaus, Kornhausplatz 5, die Hemdglonker-Schlager- und Fox-Party. Damit kein Kind enttäuscht vor der geschlossenen Tür steht: Der heutige Kinderfasching im Bürgerzentrum Eselsberg ist bereits vor Veranstaltungsbeginn ausverkauft.

Morgen, Samstag, kann auch im städtischen Umland gefeiert werden: In Finningen lädt der Vereinsring für 19.30 Uhr zum Faschingsball in die Gemeinschaftshalle ein. Im Sportheim in Unterweiler, Kirchgasse 2, ist ab 20 Uhr SCU­-Faschingsparty. In Ger­lenhofen steht der „Hausball“ der Arbeiterwohlfahrt (20 Uhr) im Freizeittreff unter dem Motto „50 Jahre Woodstock“. Und am Sonntag beginnt in Finningen um 13.30 Uhr der Faschingsumzug.