Integrationspreis Nähtreff ausgezeichnet

Neu-Ulm / Sonja Fiedler 08.12.2018

Mittwochnachmittag im Neu-Ulmer Familienzentrum in der Kasernstraße: Drei Nähmaschinen surren, sieben Frauen sitzen um zwei Tische herum, sie haben Stoffe, Jeanshosen und Kleider vor sich ausgebreitet. Schneiderin Giulia Gencarelli geht herum, hilft hier, plauscht da, ein rotes Nadelkissen um den Arm gebunden. Der offene Nähtreff „Plaudern mit dem Nähkästchen“ ist im vollen Gange.

„Es ist kein Nähclub, keine feste Gruppe, jeder kann kommen, so oft und wann er will“, erklärt Juliane Ott, Leiterin des Familienzentrums. „Das Schöne ist die Mischung: Anfängerinnen sitzen neben Fortgeschrittenen, Junge neben Älteren.“ Zudem kämen die Frauen aus vielen Ländern; aus Marokko und Syrien etwa, aber auch aus Deutschland, Italien und der Türkei. „Das ist gelebte Integration.“ Ab und an schaue sogar mal ein Mann vorbei.

Dass die Idee funktioniert, haben die Verantwortlichen nun offiziell bestätigt bekommen: Kürzlich wurde der Nähtreff in Augsburg mit dem Integrationspreis der Regierung von Schwaben ausgezeichnet – als eins von fünf Projekten im Regierungsbezirk. Ott: „Dieser Preis ist motivierend und würdigt unsere Arbeit. Das ist gut für uns Hauptamtliche, aber vor allem für die Ehrenamtlichen – denn jemand sieht die Arbeit und sagt: Das ist gut, was ihr da macht.“

Eine dieser Ehrenamtlichen ist Schneiderin Giulia Gencarelli. Sie ist als Nähchefin von Anfang an dabei. Seit neun Jahren kommen jeden Mittwoch Menschen zusammen, die Hosen kürzen oder enger machen wollen, die sich einen Rock nähen oder Risse flicken möchten. „Es macht mir sehr viel Spaß, ich bekomme so viel von den Leuten zurück, manchmal mehr, als ich gebe“, sagt sie. Dass der Nähtreff so gut laufe und sich stets alle willkommen fühlten, sei Gencarellis Verdienst, sagt Ott: „Sie schenkt den alten Hasen ihre Zeit und nimmt die Neuen trotzdem mit offenem Lächeln auf.“

Während die Maschinen surren und die Scheren klappern, wird an den Tischen geplaudert – „nicht nur mit dem Nähkästchen, sondern auch aus dem Nähkästchen“, sagt Ott lachend. „Das ist schön und gesellig.“

Heidrun kommt schon seit Jahren ins Familienzentrum, hat sich von Gencarelli im Laufe der Zeit viel angeeignet. „Egal, wie voll mein Tag ist und wie viel ich gearbeitet habe, ich gehe auf jeden Fall zwei Stunden nähen.“ Sie zeigt eine Winterjacke, die sie aus einer Wolldecke genäht hat. „Ist doch toll – das ist günstig und kreativ, es ist Recycling, und man kann sich alles tatsächlich auf den Leib schneidern.“

Die Frauen vom Nähtreff arbeiten nicht nur für sich selbst, sondern engagieren sich auch für andere: Jeden Winter bieten sie für zwei Tage ihre Dienste im Neu-Ulmer Seniorenzentrum Albertinum an. „Wir gehen mit Nähmaschinen, Bügelbrett und allem dorthin und nähen für die, die es nicht mehr selber können“, erzählt Ott. „Das ist direkte Hilfe, man bekommt sofort ein Lächeln zurück.“ Für die Zukunft haben die engagierten Frauen einen Wunsch. Gencarelli: „Wenn jemand ehrenamtlich Nähmaschinen reparieren könnte und das ab und zu hier machen würde, das wäre richtig toll.“

Der Preis

Auszeichnung Der Integrationspreis der Regierung von Schwaben wurde zum elften Mal für „ehrenamtliches Engagement auf dem Gebiet der Integration von Migrantinnen und Migranten“ vergeben. Regierungspräsident Erwin Lohner lobte den Nähtreff in seiner Laudatio als „buntes Miteinander, bei dem dank verschiedener Unterstützungs- und Hilfsangebote unter den Teilnehmenden alle voneinander lernen“. Das Projekt erhält ein Preisgeld von 1000 Euro.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel