Als Heiko Gewald seinem Vater ein Handy speziell für Senioren kaufte, hatte er die besten Absichten: Das Gerät sei mit seinen großen Tasten leicht zu bedienen, das XXL-Display auch für schwächere Augen hervorragend abzulesen, nennt er die Vorteile. Doch der Beschenkte freute sich nicht: „Das brauche ich nicht. Das ist etwas für alte Leute“, erinnert sich Gewald an die Reaktion seines 85-jährigen Vaters. Und ist damit beim Kern des Problems: „Jedes Jahr werden für Millionen Euro Dinge entwickelt, die am Ende nicht genutzt werden.“

Heiko Gewald ist promovierter Forschungsprofessor für In­for­­­ma­tionsmana­­gement an der Hochschule Neu-Ulm. Seine Mission: Un­ternehmen aus der Digitalbranche, Senioren und Organisationen aus den Bereichen Soziales, Medizin und Pflege an einen Tisch zu bringen. Im Rahmen seines beim Forschungsverbund Inno Süd angesiedelten Projekts „Senior IT Think Tank“ – Denkfabrik Digitale Technik für Senioren – sollen Technologien entstehen, die tatsächliche Bedürfnisse älterer Nutzer ansprechen.

Das Konzept sieht mehrere Zyklen über je sechs Monate vor, an deren Ende immer ein Prototyp stehen soll. Kürzlich startete das Projekt mit einer Informationsveranstaltung im Generationentreff Neu-Ulm – und vollem Haus.

2030 ist mehr als ein Drittel Ü60

In einem Impulsvortrag ging Gewald auf die demographischen Herausforderungen der Zukunft ein: „Im Jahr 2030 ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland 60 Jahre oder älter.“ Diese Gruppe der Senioren sei äußerst heterogen zusammengesetzt: „Es gibt Menschen jenseits der 80, die ohne Internet nicht leben können.“ Viele andere lehnten digitale Medien dagegen ab. Umso wichtiger sei die Frage, was Senioren wirklich brauchten.

Beispiele dafür, was der Markt derzeit bietet, lieferte Gewalds Kollege Prof. Walter Swoboda, Direktor des Instituts für Digitale Transformation der Hochschule Neu-Ulm. „Die Digitalisierung greift in alle unsere Lebensbereiche ein“, sagte der Arzt und Informatiker. Digitale Technik wie Sturzsensoren, Präsenzmelder oder Spracherkennung ermögliche es, dass ältere Menschen länger in ihrer gewohnten Umgebung bleiben könnten.

Viele Ideen gesammelt

Hochmoderne Roboter unterstützten Ärzte bei komplizierten Operationen. Und die flauschige Roboterkatze „Justocat“ erfreut Menschen mit fortgeschrittener Demenz: Sie reagiert auf Berührung, dreht ihren Kopf, schnurrt und miaut. Aktuelle Studien zeigen, dass das Plüschtier helfen kann, die Zufriedenheit von Demenzkranken zu erhöhen, ihnen ihre Unruhe zu nehmen und ihr Interesse an ihrer Umgebung zu steigern. „Justocat“ freilich werfe aber auch neue, ethische Fragen auf, bekannte Swoboda: „Wollen wir, dass sich Roboter um unsere Senioren kümmern?“

Welche Antwort Senioren, Unternehmen und Or­­ga­­nisationen in der Region auf diese Frage finden, ist noch unklar. Auch muss sich zeigen, welche Produkte sie gemeinsam entwickeln wollen. Fest steht: An Ideen mangelt es nicht.

„Im Gespräch hat sich wahnsinnig viel ergeben“, sagt Anna Gaab von der Hochschule Neu-Ulm, die die Auftakt-Veranstaltung organisiert hat. Die Ideen der Teilnehmer würden nun gesichtet und strukturiert. Unter anderem hätten sich die Senioren einen Kühlschrank gewünscht, der selbstständig Lebensmittel nachbestellt, und eine App, die bei technischen Problemen hilft.

In zwei bis drei Monaten soll das Projekt seine Fortsetzung finden. Bis dahin ist die Hochschule verstärkt mit Firmen aus der Region in Kontakt, die als Partner mitarbeiten wollen. Senioren und Vertreter von Organisationen, die Lust haben, ihre Ideen einzubringen, sind jederzeit willkommen. Sie können gerne zum nächsten Treffen kommen, sagt Gaab – der Termin und der Veranstaltungsort werden rechtzeitig bekannt gegeben.

Hintergrund: Der Forschungsverbund Inno Süd


Zusammenschluss Im Rahmen der Initiative „Innovative Hochschule“ haben sich im Forschungsverbund Inno Süd die Hochschulen Biberach, Neu-Ulm, Ulm und die Universität Ulm zusammengeschlossen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt über eine Laufzeit von fünf Jahren.

Austausch Ziel ist der nachhaltig wirksame Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Gemeinsam wollen es die Partner schaffen, dass die Region als Bindeglied zwischen den Metropolregionen Stuttgart und München mittelfristig zu einem der wettbewerbs- und innovationsfähigsten Räumen Europas wird.