Landtagswahl Cem Özdemir zieht massenhaft Zuhörer an

Neu-Ulm / Bernd Rindle 08.10.2018

Wenn der Zulauf in den Barfüßer-Saal ein Gradmesser für die Wählergunst darstellt, können sich die Grünen auf den kommenden Sonntag freuen. Binnen kurzer Zeit hieß es: „Wegen Überfüllung geschlossen!“ Ein Umstand, der zu einem Gutteil wohl auch der Chance geschuldet war, mit einem Spitzenpolitiker ins Gespräch zu kommen, der in der Beliebtheitsskala derzeit weit oben rangiert, weil er sich nicht in Worthülsen ergeht.

  Cem Özdemir ist zur Unterstützung von Klaus Rederer, der für die Grünen in den bayerischen Landtag will, nach Neu-Ulm gekommen, wo er seine ehemalige Praktikantin und Bundestags-
Fraktionskollegin Ekin Deligöz traf. Kandidat Rederer ging noch kurz mit der CSU und dem bayerischen Ministerpräsidenten, die „ihr Heil im Nachlaufen der AfD“ suchten, ins Gericht.

Angesprochen auf „Söderchens Raumfahrt“ (Rederer) meinte Cem Özdemir, dass die orbitalen Projekte bei der ESA besser aufgehoben seien. Zudem sei es lohnender, sich endlich um den lahmenden Glasfaserausbau zu kümmern und dafür zu sorgen, „den Klimawandel möglichst glimpflich zu machen“, anstatt absurderweise Kohle-Verstromung zu subventionieren. Um nicht von China im Bereich der emissionsfreien Mobilität abgehängt zu werden, fordert Özdemir ein Airbus-ähnliches europäisches Kooperationsprojekt, das sowohl „Technik, Natur und Europa voranbringen könnte“.

Die Frage aller Fragen kam für Özdemir nicht unerwartet: „Was haben Sie beim Empfang zu Erdogan gesagt?“ „Nichts Schlimmes, keine Sorge“, versicherte er. Auch im Umgang mit Despoten werde er „niemals die Kinderstube vergessen“. Neben dem Button am Revers, auf dem auf türkisch die Forderung nach Meinungsfreiheit stand, habe er ihn wissen lassen, dass es viel Gesprächsbedarf gebe. Zumal mit militärischen Mitteln und Unterdrückung Konflikte nicht zu lösen seien, sondern nur auf parlamentarischer Ebene. Cem Özdemir machte einmal mehr deutlich, dass in Deutschland kein Platz für radikale Islamisten sei. „Wir sind diejenigen, die sich gegen den Islamismus stemmen“, sagte er und warb für Unterstützung der friedvollen und liberalen Glaubensgemeinschaft, die gegenwärtig unter Druck stehe: „Helfen Sie, dass sich der aufgeklärte Islam durchsetzen kann.“

An die Adresse der AfD sagte er, dass ihm deren zersetzende Argumentation bekannt sei. „Das kenne ich aus der Türkei. In Wirklichkeit sind die AKP und die AfD Brüder im Geiste.“ Umso mehr macht Özdemir sich angesichts der weltpolitischen Entwicklungen für ein gemeinsames Europa stark. „Wenn wir nicht wollen, dass in Washington und Peking über die Zukunft des Planeten entschieden wird, dann muss Europa zusammenfinden.“

Dazu gehöre ein „Einwanderungsgesetz, das den Namen verdient“ und bestmögliche Bildungseinrichtungen. Nicht zuletzt könnten die Grünen mittlerweile auch Wirtschaft, wie das baden-württembergische Beispiel mit dem „beliebtesten Ministerpräsidenten“ zeige. Der Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft „und die Grünen passen gut zusammen.“ Der Rest war Applaus.

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