Halt die Fresse!“, „F . . . Dich!“, „Wir wissen, wo Sie wohnen“: Das, was Jugendliche den Anwohnern an der Neu-Ulmer Caponniere so an den Kopf schleudern, wenn jene um etwas Rücksicht bitten, ist in Wortwahl und Tonlage nicht gerade freundlich. Und das, was die Anwohner dort inzwischen an fast jedem lauen Abend erleben, vergällt ihnen die Freude an ihrer eigentlich schönen Wohnlage: Auf der Freifläche in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof treffen sich Gruppen von bis zu 60 Mädchen und Jungs, spielen laute Musik, dealen und konsumieren Drogen, betrinken sich, verabreden sich zu Schlägereien, haben Messer dabei. So haben es viele Anwohner beobachtetet, so ist es regelmäßig im Polizeibericht zu lesen – Tendenz steigend.

Caponniere Neu-Ulm: Dauerkatastrophe am Wochenende

„Von Freitagnachmittag bis Sonntagabend ist es eine Dauerkatastrophe“, erzählt eine der Betroffenen. Keiner der zumeist älteren Nachbarn möchte seinen oder ihren Namen in der Zeitung sehen – sie haben Angst davor, was die aggressiven Jugendlichen noch alles anstellen könnten.

Nach ihren Beobachtungen sind es um die 20 junge Menschen, die in der Gruppe den harten Kern ausmachen und oft aus dem Umkreis anreisen, sobald das Wetter mitspielt. Alle seien jünger als 20 Jahre, auch 12-, 13-jährige Mädchen seien darunter. Sie trinken, lärmen, vermüllen die Park-, aber auch die Wohnanlage. „Die Leute trauen sich nicht, dort vorbeizugehen“, weiß ein anderer Anwohner. Vor allem Frauen hätten inzwischen Angst davor, durch die Tiefgarage zu gehen.

Bahnhof-Umgebung: Brennpunkt in der Innenstadt

Angefangen habe der Ärger vor rund zwei Jahren. „Seit die Glacis-Galerie offen ist, ist das ein Anlaufpunkt von vielen Jugendlichen, die dort Alkohol kaufen oder das W-Lan nutzen.“ Die Triade aus Einkaufszentrum, Bahnhof und Busbahnhof macht die Caponniere 4 zum idealen Treffpunkt. Das bestätigt Rainer Finkel, Dienststellenleiter der Polizei Neu-Ulm. „Durch die Lage ist das ein Brennpunkt in der Innenstadt geworden.“

Auch die Beobachtung der Anwohner, dass die Jugendlichen aus dem weiteren Umkreis anreisen und sich zu Schlägereien regelrecht verabreden, bestätigt Finkel. Wenn die Polizei bei Körperverletzungen einschreite, werte sie die Handy-Daten aus: „Das gibt es teilweise, dass man sich dort trifft, um Probleme auszutragen.“ Das gehe aus WhatsApp-Nachrichten hervor.

Die Polizei habe „ein starkes Auge“ auf die Caponniere. An warmen Tagen sei aber auch an anderen Orten in der Stadt oft so viel los, „dass es uns nicht immer gelingt, präsent zu sein. Wir sind eine junge dynamische Stadt, wir haben viele Aufgaben und eine hohe Einsatzlage“. Nichtsdestotrotz: Man stehe in engem Austausch mit den Anwohnern, wolle nicht immer nur reagieren, wenn man Hinweise bekomme.

Caponniere: Lärmbelästigung nur eines der Probleme

Die Problemlage ist vielfältig: „Rauschgiftkriminalität ist ein Thema“, sagt Finkel. Dazu kommen Körperverletzungen, Lärmbelästigung, Verstöße gegen die Grünanlagenverordnung, insbesondere gegen das Alkoholverbot. „Wir suchen das Gespräch, trennen aggressive Gruppen, erteilen Platzverweise. Aber uns ist klar, dass das nur eine Verdrängung Richtung Heiner-Metzger-Platz und Petrusplatz ist.“

Mit der Stadtverwaltung gebe es einen „engen Schulterschluss“. Doch während die Anwohner immer wieder die gute Zusammenarbeit mit der Polizei betonen, sind sie von den städtischen Akteuren enttäuscht – und das ist vorsichtig formuliert. „Es hieß: Die Stadt unternimmt etwas. Null haben sie gemacht!“, schimpft einer. Er mutmaßt, dass die Verwaltung vielleicht sogar an der Sache dran ist, ärgert sich aber insbesondere über die schlechte Informationspolitik und darüber, dass die Stadt nicht von sich aus auf die Anwohner zugeht, mal zu einem Gespräch einlädt. „Es kann nicht sein, dass wir uns dauernd um die Chose kümmern müssen.“

Neu-Ulmer Caponniere: Aufenhaltsverbot soll helfen

„Wir sehen schon, dass das ein Ort ist, an dem es ein gewisses Problem gibt“, versichert Sandra Lützel, Pressesprecherin der Stadt Neu-Ulm, auf Anfrage. Deshalb reagiere die Stadt jetzt auch: An der Caponniere 4 soll es zwischen 21 und 6 Uhr ein Aufenthaltsverbot geben. Über eine entsprechende Änderung der Grünanlagensatzung stimmt der Stadtrat am Donnerstag ab. Das Verbot soll die Caponniere „als Anbahnungsort für Straftaten und Ordnungswidrigkeiten unattraktiv machen“, heißt es in der Verwaltungsvorlage.

Derweil werden die Nachbarn nicht müde, die Jugendlichen auf ihr Fehlverhalten anzusprechen. Mit den meisten von ihnen könne man reden. Andere zerschlagen ihre Flaschen auf dem Boden, drohen unverhohlen. Sobald die Polizei auftauche, „springen die weg, durch die Wohnanlage und durch unsere Gärten. Der Wohnwert hat sich massiv verschlechtert“. Die Sorge vor dem, was auf sie zukommt, ist groß. „Wir wissen nicht, was geplant ist – und der Sommer geht erst los.“

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Ulm/Neu-Ulm

Videoüberwachung als Lösung?


Kameras Im Februar hatte die CSU einen Antrag auf Videoüberwachung an der Caponniere stellen wollen – was überflüssig war. Denn die Verwaltung prüft bereits, ob dort der Einsatz von Kameras zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben datenschutzrechtlich zulässig ist.

Licht Weitere Maßnahmen, die die Verwaltung vorschlägt, um das „sich bildende, sozialschädigende und kriminalitätsgeneigte Umfeld“ zu bekämpfen: zusätzliche Beleuchtung der Plätze und zusätzliche Beschilderung mit der Grünanlagensatzung.